Kategorie: Rezension

  • Buchrezension: „Allahs mächtige Influencer“ von Stefan Kaltenbrunner und Clemens Neuhold

    In ihrem Buch „Allahs mächtige Influencer“ beschäftigen sich Stefan Kaltenbrunner und Clemens Neuhold mit dem wachsenden Einfluss islamistischer Influencer auf Jugendliche und den Gefahren, die durch die Radikalisierung in sozialen Medien entstehen können. Besonders TikTok hat sich zu einer wichtigen Plattform entwickelt, auf der selbsternannte Prediger mit professionell gestalteten Videos ein großes junges Publikum erreichen.

    Die Autoren zeigen, wie diese Influencer gezielt die Identitätssuche und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit junger Menschen ansprechen. Hinter einer oft freundlichen und harmlosen Fassade vermitteln manche von ihnen ein streng konservatives Weltbild, das von Verschwörungstheorien, der Ablehnung westlicher Lebensweisen und der Infragestellung demokratischer Grundwerte geprägt ist. Jugendliche, die unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen oder durch Flucht und Ausgrenzung belastet sind, können für solche Botschaften besonders empfänglich sein. Im schlimmsten Fall führt dieser Prozess zu einer Radikalisierung, die Gewalt und Terrorismus begünstigt.

    Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf der Rolle der Politik und den Versäumnissen der österreichischen Integrationspolitik. Die Autoren kritisieren, dass Islamismus lange unterschätzt und gesellschaftlich zu wenig thematisiert wurde. Sie fordern eine offene Auseinandersetzung mit religiösem Extremismus und betonen, dass der Schutz demokratischer Werte wie Gleichberechtigung, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Gleichzeitig weisen sie auf die Wechselwirkungen zwischen Islamismus und Rechtsextremismus hin, die sich gegenseitig verstärken können.

    Besonders hervorzuheben ist, dass das Buch zahlreiche Hintergründe beleuchtet und Missstände deutlich anspricht, ohne zwangsläufig in rassistische Stereotype zu verfallen. Es regt dazu an, bestehende Integrationsmaßnahmen kritisch zu hinterfragen und sich intensiver mit den Ursachen von Radikalisierung auseinanderzusetzen. Dabei ist es wichtig, zwischen islamistischen Ideologien und Muslimen im Allgemeinen zu unterscheiden.

    Fazit: „Allahs mächtige Influencer“ ist ein gesellschaftlich relevantes und aufschlussreiches Buch, das ein sensibles Thema verständlich aufarbeitet und unbequeme Fragen stellt. Es zeigt, wie stark soziale Medien die Weltanschauung junger Menschen beeinflussen können und welche Herausforderungen daraus für Politik und Gesellschaft entstehen. Die Lektüre ist besonders empfehlenswert für alle, die sich mit Islamismus, Migration, Integration und den Gefahren extremistischer Ideologien auseinandersetzen möchten. Das Buch liefert wichtige Denkanstöße und ist ein Plädoyer dafür, Probleme offen anzusprechen, ohne dabei zu pauschalisieren.

  • Rezension: 50 Jahre Arena – ein besonderes Zeitdokument

    Die Arena wird heuer 50 Jahre alt – ungewohnt still und beinahe heimlich. Dafür gibt es nun ein sehr feines Buch als Zeitdokument zu diesem Jubiläum. Es zeichnet die Entstehungsgeschichte der Arena akribisch recherchiert nach und liefert zahlreiche Hintergrundinformationen. Reichlich Bildmaterial mit Fotos, Plakaten und Flyern macht fünf Jahrzehnte Arena-Geschichte lebendig.

    Denn die Arena ist natürlich nicht einfach irgendein Veranstaltungsort in Wien. Sie ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Diskurses – und damit auch ein Ort gelebter Demokratie. Selbstverwaltung wird großgeschrieben, Konsens ist ein wichtiger Bestandteil der Entscheidungsprozesse und eine klar antifaschistische Haltung gehört zum Selbstverständnis.

    Besonders interessant ist der Blick auf die Menschen, die diesen Ort bis heute tragen. Die „Arenauten“, wie sie sich selbst nennen, verstehen die Arena gerne als „gallisches Dorf“. Die heute aktiven Mitarbeiter:innen sind zwischen 18 und 71 Jahre alt und kommen aus unterschiedlichsten Berufsfeldern. Diese Vielfalt ist wohl auch ein Teil dessen, was die Arena seit Jahrzehnten ausmacht.

    Das Buch zeigt eindrücklich, mit welchen Herausforderungen und Widrigkeiten diese Form der Kulturarbeit zu kämpfen hat – damals wie heute. Selbstverwaltung, gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse und ein Kulturbetrieb abseits rein wirtschaftlicher Interessen sind alles andere als selbstverständlich.

    Gerade deshalb ist dieses Buch mehr als eine Chronik zum 50. Geburtstag. Es erinnert daran, wie wichtig Orte sind, an denen Kultur, Begegnung, Diskussion und gesellschaftliche Teilhabe möglich sind.

    Umso wichtiger ist der Erhalt der Arena für eine lebendige und vielfältige Kulturlandschaft. Bleibt zu wünschen, dass dieses „gallische Dorf“ noch lange bestehen bleibt – eigenwillig, selbstverwaltet und offen für alle, die Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch mitgestalten wollen.

  • Rezension: Andreas Speit: Verqueres Denken: gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus.

    Der deutsche Journalist und Publizist Andreas Speit gilt seit vielen Jahren als versierter Kenner der rechtsextremen Szene in Europa und ist auf diesem Gebiet ein allgemein anerkannter Experte. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die sich mit rechtsextremen Netzwerken und Ideologien befassen.

    Mit Verqueres Denken aus dem Jahr 2022 legt Andreas Speit eine präzise Analyse jener gesellschaftlichen Milieus vor, die sich zwischen Esoterik, Verschwörungsglauben, Wissenschaftsskepsis und politischer Radikalisierung bewegen. Untersucht werden dabei alternative Szenen, Impfgegner:innen und spirituelle Bewegungen, die auf den ersten Blick heterogen erscheinen, jedoch ähnliche Denkstrukturen teilen.

    Zentral ist Speits Beobachtung, dass Verschwörungserzählungen besonders in unsicheren Zeiten attraktiv werden. Sie täuschen Stabilität und Ordnung vor: Die Welt erscheint plötzlich klar strukturiert, in Gut und Böse eingeteilt und scheinbar eindeutig erklärbar. Dabei macht das Buch deutlich, dass die Corona-Pandemie keine völlig neuen Verschwörungstheorien hervorgebracht hat. Viele Narrative existierten bereits zuvor und wurden lediglich aktualisiert oder neu kombiniert.

    Besonders überzeugend beschreibt Speit die kulturellen und psychologischen Hintergründe dieser Entwicklungen. Die zunehmende Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt erzeugt bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach Entschleunigung, Einfachheit und Spiritualität. Daraus entsteht ein Milieu, das offen ist für esoterische Deutungen und alternative Heilversprechen. Der boomende Esoterikmarkt spiegelt diese Entwicklung wider. Auch in linksalternativen Milieus beobachtet Speit seit Jahren einen regelrechten „Psychoboom“. In diesem Zusammenhang greift das Buch auch das Phänomen der „Conspirituality“ auf – die Verbindung von Spiritualität und Verschwörungsglauben.

    Speit beschreibt schlüssig, dass in alternativen Szenen schon lange eine Nähe zu Esoterik und spirituellen Weltbildern existiert. Problematisch wird dies dort, wo Wissenschaftsfeindlichkeit und Technikskepsis dominieren. Gerade bei Querdenker:innen seien solche Haltungen weit verbreitet. Besonders deutlich wird dies beim Thema Impfen, die Folgen dieser Skepsis: Krankheiten, die bereits als nahezu ausgerottet galten, treten wieder verstärkt auf.

    Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist die politische Dimension dieser Denkweisen. Speit beschreibt die Strategie vieler Akteur:innen als gezielte Delegitimierung von Staat, Wissenschaft und demokratischen Institutionen. Besonders eindrücklich analysiert er die sprachliche Umdeutung politischer Begriffe, wodurch demokratische Werte entwertet oder bewusst verdreht werden sollen.

    Dabei macht Speit deutlich, dass es sich nicht nur um Randphänomene handelt. Vielmehr spricht er von einem „Extremismus der Mitte“, der tief in gesellschaftliche Debatten hineinwirkt. Besorgniserregend ist zudem seine Darstellung antisemitischer Motive innerhalb verschwörungsideologischer Diskurse. So werde Schulmedizin immer wieder als „jüdische Medizin“ diffamiert, Impfungen als angeblicher Aberglaube jüdischer Ärzt:innen dargestellt, die sich bereichern wollten. Speit zeigt, wie traditionelle antisemitische Feindbilder in modernen Verschwörungserzählungen fortbestehen.

    Stilistisch bleibt das Buch sachlich, journalistisch präzise und gut recherchiert. Zahlreiche Beispiele aus Demonstrationen, sozialen Netzwerken und alternativen Medien machen die Analyse anschaulich und nachvollziehbar

    Verqueres Denken ist eine wichtige Analyse moderner Verschwörungskulturen und demokratiefeindlicher Strömungen. Andreas Speit gelingt es, gesellschaftliche Entwicklungen differenziert zu beschreiben und zugleich die Gefahren ideologischer Radikalisierung klar zu benennen. Das Buch bietet wertvolle Einsichten für alle, die verstehen möchten, warum Verschwörungsglauben, Esoterik und Demokratiefeindlichkeit heute so eng miteinander verwoben sind.

  • Rezension: Holm Gero Hümmler, Ulrike Schiesser: Fakt und Vorurteil. Kommunikation mit Esoterikern, Fanatikern und Verschwörungsgläubigen.

    Ulrike Schiesser arbeitet seit mehreren Jahren bei der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen und ist Expertin in den Bereichen Esoterik, Personenkulte und  Verschwörungsideologien. Holm Gero Hümmler ist Physiker und in Deutschland als Unternehmensberater tätig. Die Autorin und der Autor haben in diese Publikation ihre langjährigen Erfahrungen einfließen lassen, ergänzt durch Interviews mit 20 Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen. Ihr Anliegen ist es Erklärungen, Anregungen und Denkanstöße zu liefern, aber auch konkrete Vorschläge für typische Gesprächssituationen anzubieten. Zudem kommen ehemalige Verschwörungsgläubige zu Wort und erklären, welche Faktoren bei ihnen ein Umdenken ausgelöst haben.

    Die beiden Autor:innen betonen, dass Verschwörungsglaube stets eine Bedrohung für die Demokratie darstellt und gehen mit Verschwörungsgläubigen hart ins Gericht. Damit verbunden ist nicht selten die Überzeugung, die Gesellschaft ohnehin nicht mitgestalten zu können, da sie von finsteren Mächten gesteuert werde. Eine solche Haltung kann Hass, Gewalt und Extremismus begünstigen. Verschwörungsgläubige können demnach gewaltbereite Personen sein und auch Allianzen mit radikalen Bewegungen bilden, etwa mit den sogenannten Reichsbürgern.

    Im Buch wird ausführlich beschrieben, wie stark unser Denken und unsere Entscheidungen von Gefühle gesteuert werden. Emotionen bestimmen unser Handeln deutlich stärker als Logik und Verstand. Weiters werden verschiedene psychologische Mechanismen und ihre Wirkungsweise beschrieben. Menschen glauben eher an das, was sie glauben möchten, sie neigen zu Selbstüberschätzung und sind anfällig für Denkfehler. Zudem gehen wir bei der Urteilsbildung oft den Weg des geringsten Widerstandes.

    Eine Strategie im Umgang mit Verschwörungsgläubigen hängt laut den Autor:innen immer von der jeweiligen Situation ab, daher kann es kein allgemeingültiges Erfolgsrezept geben. Schweigen sei jedoch keine Option, wenn durch gefährliche alternative Heilmethoden Kinder oder andere schutzbedürftige Personen zu Schaden kommen könnten. Ebenso müsse klar Stellung bezogen werden, wenn sich Pseudowissenschaft mit Rassismus verbindet und durch Verschwörungstheorien der Holocaust gerechtfertigt wird.

    Als eine Empfehlung für die Gesprächsführung raten die Autor:innen dazu eher kritische Fragen zu stellen, anstatt direkt zu argumentieren. Im Idealfall gelangt das Gegenüber dadurch selbst zu neuen Einsichten. Das übergeordnete Ziel ist es nicht, sein Gegenüber zu überzeugen, sondern im Gespräch und in Beziehung zu bleiben. Trotzdem ist es wichtig Position zu beziehen und Widerspruch zu äußern, um einer Normalisierung antidemokratischen Gedankenguts entgegenzuwirken.

    Es wird betont, dass die Beziehungsebene entscheidend für die Aufnahme von Informationen ist. Um Menschen zu erreichen, müssen ihre Emotionen angesprochen werden, eine reine Faktenvermittlung genügt nicht. Ein wichtiger Erfolgsfaktor in der Deradikalisierung ist eine konstruktive Diskussionskultur: ein wertschätzender Umgang und eine gute Gesprächsbasis, statt bloßes Korrigieren und Belehren.

     

    Fazit:

    Da Verschwörungsglaube seit Jahren im Steigen ist, erweist sich dieses Buch als äußerst praxisnaher Ratgeber. Es macht verständlich, warum wir alle stark von Emotionen gesteuert sind und liefert konkrete Handlungsempfehlungen für schwierige Gespräche. Und die gute Nachricht lautet: ein Umdenken ist möglich, aber oft langwierig und schmerzvoll.

  • Rezension: Heimo Halbrainer: Frieda, Sepp, Lisl, Franz und all die anderen: Widerstandskämpferinnen und -kämpfer gegen den Nationalsozialismus

    Der Grazer Historiker Heimo Halbrainer arbeitet vorrangig zu Erinnerungs- und Gedenkkultur mit lokalem Bezug und hat dazu zahlreiche Bücher verfasst und herausgebracht. Sein bereits 1995 gegründeter Verein Clio beschäftigt sich mit Geschichts- und Bildungsarbeit, unter anderem zum Thema Nationalsozialismus und Widerstand. Der Verein möchte mit seiner Arbeit Menschen sichtbar machen, die sich gegen den Nationalsozialismus gestellt haben und für ihre Überzeugung eingestanden sind. Halbrainer ist für seine Tätigkeiten mehrfach ausgezeichnet worden, so erhielt er zum Beispiel 2013 den Menschenrechtspreis der Stadt Graz.

    Das vorliegende Buch behandelt verschiedene steirischen Widerstandstätigkeiten gegen den Nationalsozialismus. Während deutsche Beispiele wie die Geschwister Scholl oder Graf von Stauffenberg gut bekannt sind und deren Erlebnisse vielfach verfilmt wurden, zeigt Halbrainer auf, dass es auch in Österreich einen bedeutenden Widerstand gab, der jedoch nach dem Krieg in Vergessenheit geraten ist. Es ist ein Thema, dass in der bisherigen Geschichtsforschung bisher nur marginal behandelt wurde. Auch in der Steiermark gab es bedeutende Widerstandstätigkeiten, was nahezu unbekannt ist.

    Heimo Halbrainer hat in dieser Auswahl die Lebensgeschichten von über 20 steirischen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern festgehalten. Dies sind Frauen und Männern, die seit 1938 auf vielfältige Art und Weise gegen den Nationalsozialismus aufgetreten sind. Ihr Engagement umfasste etwa die Verteilung von Flugblättern, die Hilfe an Mithäftlingen in den Konzentrationslagern, verschiedene Sabotagetätigkeiten oder im bewaffneten Partisanenkampf gegen die Nationalsozialisten.

    Einige der angeführten Personen haben diese Zeit nicht überlebt, sie wurden wegen ihrer Widerstandstätigkeiten hingerichtet. Andere waren auch noch nach dem Krieg aktiv und haben in Schulen als Zeitzeug:innen über die Zeit im Nationalsozialismus berichtet.

    Halbrainer führt an, dass nur wenige dieser Menschen zu Lebzeiten die Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten haben, die sie für ihren aktiven Einsatz gegen den Nationalsozialismus verdient hätten. Er unterstreicht außerdem wie wichtig der eigene Beitrag Österreichs war, den die Alliierten auf der Moskauer Konferenz im November 1938 als Voraussetzung für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit des Landes einforderten.

    Fazit: dieses Buch ist ein äußerst wichtiger Beitrag zur lokalen Zeitgeschichte.

  • Rezension: Julia Ebner: Massenradikalisierung. Wie die Mitte Extremisten zum Opfer fällt

    Julia Ebner ist derzeit wohl die bekannteste und bedeutendste Expertin, die intensiv zum großen Themenfeld Radikalisierung  arbeitet. Sie hat sich auf Terrorismus und verschiedene Formen von Extremismus spezialisiert und berät seit mehreren Jahren unterschiedliche Gremien und Arbeitsgruppen in ganz Europa. Die österreichische Wissenschaftlerin und Buchautorin forscht seit Jahren in London, derzeit am Institute for Strategic Dialalogue. Ebner hat für ihre wichtigen Tätigkeiten zahlreiche Auszeichnungen erhalten, so unter anderem den Bruno-Kreisky-Preis.

    Die Autorin beschreibt das Phänomen, dass bisher randständige Ideologien und antidemokratische Ansichten seit Jahren gefährlich weit in die gesellschaftliche Mitte gewandert sind und es einen deutlichen Trend zu einer Massenradikalisierung gibt.

    Laut Ebner erfüllen diese Bewegungen Bedürfnisse und füllen ein Vakuum. Die Ursachen für die rasante Verbreitung menschen- und demokratiefeindlicher Ideologien liegen ihren Beobachtungen zufolge in einer globalen Vertrauenskrise. Gewinner dieser Krise sind demnach rechtspopulistische Parteien und staatliche Akteure wie Russland, die ein Interesse an der Erschütterung der liberalen Demokratie haben.

    Das Buch beschreibt eine zu beobachtende Beschleunigung der Radikalisierung, die vor allem durch Social Media begünstigt wird. Es wird ausführlich erklärt, dass Algorithmen  so konzipiert sind, dass sie Empörung fördern und belohnen. Wer im Journalismus überleben will, muss demzufolge eine radikale Position einnehmen.

    In ihren Ausführungen beschreibt Ebner, dass es manche der obskursten Ideen und extremistischen Verschwörungsmythen mittlerweile  in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben. Als Beispiel nennt sie QAnon, eine aus den USA stammende Gruppierung mit rechtsextremem und antisemitischem Hintergrund, die durch die Coronaproteste auch in Österreich Fuß gefasst hat. QAnon gilt als Sammelbecken verschiedener Verschwörungsideologen, die sich in ihrem Frust und ihrer Wut zusammengetan haben.

    Julia Ebner schildert weiter, dass diese Gruppierungen anfänglich kleine Subkulturen waren, die erst größeren politischen Einfluss gewonnen haben als sie starke internationale Netzwerke gebildet und alternative Mediensysteme aufgebaut haben. Die Anhänger:innen gehen überraschende Koalitionen ein und bilden große Schnittmengen mit radikalen Leugner:innen von Corona und Klimawandel, Verschwörungsideologen und Rechtsextremen. Als derzeit bedeutendste Quelle der Desinformation und Radikalisierung nennt Ebner Telegram.

    Die Autorin beobachtet, dass Verschwörungsideologen immer wieder eine neue Krise benötigen würden. Nachdem die prophezeiten massenhaften Impftoten ausblieben, war den Ausführungen der Autorin nach der Angriffskrieg auf die Ukraine ein gefundenes Fressen für die Coronaleugner:innen, die schon zuvor russische Propagandamedien konsumierten. Ab dem Tag der russischen Invasion in die Ukraine konnte sie beobachten, wie Anti-Covid Aktivisten:innen ihren Fokus auf den Krieg verlagerten.

    Das Buch wirft die Frage auf, wie damit umzugehen ist, wenn antidemokratische Bewegungen Begriffe wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie kapern und für sich vereinnahmen wollen, wie es etwa während der Corona-Pandemie zu beobachten war. Wie sollen wir vorgehen, gegen diejenigen, die behaupten, die Demokratie zu verteidigen, in Wirklichkeit aber durch unverantwortliches Verhalten die Freiheit anderer Menschen beschneiden? Ebenrs Antwort darauf ist, diese Begriffe wieder positiv zu besetzen.

  • Rezension: Petra Ramsauer: Die Dschihad Generation – Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht

    Petra Ramsauer ist eine österreichische Politikwissenschaftlerin und Journalistin, die seit 25 Jahren im Bereich der Kriegs- und Krisenberichterstattung im Nahen Osten tätig ist. In ihrem bereits 2015 erschienenen Buch bietet sie ein umfassendes Basis- und Hintergrundwissen zum Thema Islamischer Staat. Für die Recherche hat  sie mit Sympathisant:innen, Augenzeug:innen und Opfern aus Syrien gesprochen. 

    Die Autorin beschreibt ausführlich, warum es in den letzten Jahren tausende Jugendliche aus Europa in den „Islamischen Staat“ gezogen hat. Ihre Ausführungen erklären, wie der IS aus seiner Mutterorganisation Al Kaida  hervorgegangen ist und wie er von inhaftierten Jugendlichen in Deutschland und Österreich mitentwickelt wurde.

    Das Buch zeigt detailliert Rekrutierungsprozesse auf und erklärt, mit welchen psychologischen Methoden Anwerber arbeiten. Ramsauer betont, dass marginalisierte Jugendliche besonders anfällig für Radikalisierung und daher bevorzugte Zielgruppe für Rekrutierer sind. Hauptsächlich im öffentlichen Raum und in Parks trifft man demnach auf die bevorzugte Zielgruppe: sinnsuchende Jugendliche, die dort ohne jegliche Perspektive und Begleitung sehr viel Tagesfreizeit verbringen. Laut Ramsauer sind es Jugendliche, die verzweifelt auf der Suche nach familiärem Anschluss und Geborgenheit sind. Die Zugehörigkeit zum IS bietet vermeintlich Klarheit in einer zunehmend verwirrenden Welt.

    Den Ausführungen der Autorin zufolge sind Ausgrenzungs- und Entfremdungserfahrungen ein entscheidende Faktoren bei einer Radikalisierung. Für viele Jugendliche ist der moderne Westen mit seiner Freiheit und Diversität zu komplex. Die IS-Propaganda verbreitet in Europa die Annahme, dass die Welt den Muslimen den Krieg erklärt hat und sie im Stich lässt. Dieses einfache Gut/Böse-Denken gibt Jugendlichen vermeintlich Halt. In diesem Zusammenhang spricht die Autorin von einer Dschihadgeneration, die zu einem Magnet für revoltierende Jugendliche geworden ist. 

    Der IS ist mittlerweile ein terroristisches Massenphänomen, der einen Gegenentwurf zu einem westlichen Lebensstil darstellt. Im Buch wird der IS als eine etablierte Marke beschrieben, die durch perfekte Mediengestaltung und gezielt eingesetzte Narrative einen hohen Wiedererkennungswert hat. Soziale Medien fungieren dabei als zentrales Steuerungselement, diese sind gleichzeitig perfekte Propagandamaschine und Netzwerk.

    Ramsauer spricht auch von Gefängnissen als Risikozonen weiterer Radikalisierung. Die meisten IS-Gewalttäter waren zuvor in Haft und verhalten sich dort angepasst und unauffällig. Eine Haftstrafe wird von den betreffenden Jugendlichen als Auszeichnung gesehen. Gefängnis alleine ist demnach keine ausreichende Maßnahme zur Lösung dieser Probleme. Ramsauer plädiert anstatt dessen für verschiedene soziale Maßnahmen in der Deradikalisierungsarbeit, da diese ihrer Meinung nach nachhaltiger und langfristiger wären. So spricht sie sich für verschiedene Resozialisierungsmaßnahmen aus und betont die Notwendigkeit Entfremdung und Ausgrenzung entgegenzuwirken.

    Die Autorin schließt mit dem Fazit, dass es viel mehr an Angeboten und Unterstützung für die betreffenden Zielgruppen brauchen würde. Auffällig: das Buch ist bereits 10 Jahre alt, diese Erkenntnisse und Empfehlungen sind bereits seit Langem da. Es scheitert aber leider immer noch an einer entsprechenden Umsetzung.

  • Rezension: Pia Lamberty und Katharina Nocun – True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft

    Die Politikwissenschafterin Nocun und die Sozialpsychologin Lamberty haben einen
    weiteren Ratgeber mit praktischen Tipps und fundierten Hintergrundinformationen
    veröffentlicht. Bereits seit mehreren Jahren forschen die deutschen Expertinnen
    intensiv zu den Themen Verschwörungstheorien und Esoterik. Die Autorinnen
    betonen, dass der Glaube an eine große Verschwörung oftmals zentrale
    psychologische Bedürfnisse, wie Kontrolle, Gemeinschaft, Einzigartigkeit, erfüllt. Sie
    sind der Meinung, nur wer durchschaut, an welche psychologischen
    Grundbedürfnisse Verschwörungserzählungen anknüpfen, kann auch effektive
    Gegenstrategien entwickeln.

    Zwei wichtige Erkenntnisse werden als Basis/ Grundbedingung genannt, die bereits
    deutlich machen, warum dieses Problem so komplex ist und Gegenmaßnahmen sehr
    mühsam sind: Es gibt kein Patentrezept gegen Verschwörungsglauben und es gibt
    keine Garantie für erfolgreiche Interventionen. Eine weitere zentrale Aussage des
    Buches ist, dass Verschwörungserzählungen stark auf der emotionalen Eben wirken.
    Sie sind inhaltlich kompliziert, aber auf der emotionalen Ebene sehr einfach. Das übt
    nach Erkenntnis der Autorinnen eine große Anziehungskraft aus.

    Im Buch wird umfassend erläutert, dass es bei Recherchen schwierig ist, zu
    verlässlichen Informationen zu kommen. Bei der Suche gibt es meistens zahlreiche
    Quellen, doch welche ist seriös? Ein gefestigtes verschwörungsideologisches
    Weltbild geht meist mit einer umfassenden Ablehnung seriöser Medien und
    Wissenschaft einher. Immer öfter wird bewusst Desinformation verbreitet, es benötigt
    Hintergrundwissen und Reflexionsbereitschaft, um diese zu enttarnen. So finden sich
    nach Lamberty und Nocun unter den Topergebnissen bei Suchmaschinen oft
    Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen. Die Reihenfolge der
    präsentierten Suchergebnisse gibt nicht Auskunft über deren Wahrheitsgehalt, sie
    wird nach einer Vielzahl unterschiedlicher Parameter festgelegt. Hier können diverse
    Fakten-Checker eine große Hilfe zur Klärung bieten. Die Autorinnen verweisen auf
    Initiativen wie „Correctiv“ und „Mimikama“, die sich auf die Prüfung von
    Falschmeldungen spezialisiert haben. Faktenchecks können Zweifel säen, das ist ein
    wichtiger erster Schritt. Aber selbst das hilft nicht immer, es gibt Grenzen, nicht jeder
    lässt sich überzeugen. Lamberty und Nocun erklären, dass es online eher darum
    geht, die stillen Mitleserinnen und Mitleser zu erreichen. Mit überzeugten Extremisten
    und Extremistinnen zu diskutieren würde wenig Sinn machen. Überhaupt ginge es
    darum, seine eigenen Grenzen zu achten. Man muss nicht jede Diskussion
    gewinnen. Es ginge eher darum, immer wieder gesunde Impulse zu geben.

    Lamberty und Nocun beschreiben den antisemitischen Hintergrund, der nach ihren
    Ausführungen oft hinter einer Verschwörungserzählung steckt. Dieser ist demzufolge
    seit tausenden Jahren kulturell tief verankert. Der Mythos der angeblichen jüdischen
    Weltverschwörung wird weitergegeben und an aktuelle Ereignisse angepasst. So
    etwa der Glaube, dass Juden das Blut von Christenkindern trinken würden, um ewige
    Jugend zu erhalten. Dieser antisemitische Mythos taucht laut den Autorinnen aktuell
    etwa wieder bei der QAnon Bewegung auf.

    Das Buch bietet auch konkrete Tipps im Umgang mit Verschwörungsgläubigen. So
    kann unter anderem die Suche nach den Motiven hinter dem Glauben ein möglicher
    Ansatz sein. Eine weitere Möglichkeit sei es im Verlauf von Diskussionen
    Gemeinsamkeiten zu suchen und sich immer wieder drauf zu beziehen.

    Die Autorinnen vergleichen die Irrwege von Verschwörungsgläubigen mit einem
    Kaninchenbau und kommen in ihren Ausführungen zur Erkenntnis, der Weg hinaus
    würde oft genauso lang wie der Weg hinein dauern. Wichtig sei es, möglichst
    frühzeitig zu intervenieren.

    Ein Wunsch/ Anspruch der Autorinnen: Als Gesellschaft müssen wir lernen, uns Hass
    und Hetze entschlossen entgegenzustellen. Das Buch schließt mit einer Forderung
    an Politik und Verantwortliche: Wer über die Gefahren von Verschwörungsideologien
    aufgeklärt wurde, hat bessere Chancen, sich und andere davor zu schützen.
    Lamberty und Nocun plädieren daher für mehr Workshops und Initiativen zur
    Aufklärung und Stärkung von Medienkompetenz und Zivilcourage.

  • Rezension: Peter Pichler – Breaking the Law? Recht, Moral und Klang in der steirischen Heavy-Metal-Szene seit 1980

    Peter Pichler ist nach mehrjähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit an den Universitäten Graz und Wien nun am Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen der Karl-Franzens-Universität Graz tätig. Der promovierte Kulturhistoriker leitet dort das mehrjährige Forschungsprojekt „Breaking the Law…?! Normenbezogenes klangliches Wissen in der Heavy Metal-Kultur“, in welchem erstmals breit und interdisziplinär die Kulturgeschichte der steirischen Heavy Metal-Szene erforscht wird. Auf diesem Gebiet gibt es wenig seriöse Forschung, die meisten bisher vorhandenen Arbeiten sind aus der Sicht von Fans geschrieben und daher weniger objektiv. Der Autor ist selber als Fan in die Szene verstrickt, das erfordert die eigene Position im Feld gut zu reflektieren. Pichler hat i Rahmen einer einjährigen Forschung 22 Interviews mit verschiedenen Personen aus der Metal-Szene geführt. Diese Interviews decken inhaltlich alle untersuchten Jahrzehnte repräsentativ ab.  

    Metal ist Musik und Lifestyle, die klangliche Heaviness ist ein spezifischer Sound und genredefinierend. Pichler beschreibt wie steirische Metalfans zu Beginn nach internationalem Vorbild gegen ein konservativ-bürgerliches Establishment aufbegehren wollten und versuchten sich dagegen abzugrenzen. Das Auflehnen gegen das Rechtssystem und der Kampf gegen Widerstände galten als tragende Elemente der Metal-Identität.

    Chronologisch werden im Buch drei Kapitel beschrieben:

    Die Pionierphase fand in den frühen 1980er Jahren statt, in diesem Jahrzehnt etablierte sich die steirische Metal-Szene. Eigene Institutionen, Räume und Netzwerke wurden gebildet, die teilweise bis heute bestehen. Im zweiten Kapitel geht es um eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung in den 1990ern, es entstanden nach internationalem Vorbild verschiedene Spielarten von Metal. Die dritte Phase war geprägt durch die Digitalisierung und dauert bis heute an, mit einer Erweiterung um digitale Szeneräume im Internet.

    Der Autor beschreibt ausführlich wie in den 1980ern mit gängigen Moralvorstellungen bewusst gebrochen wurde, Metalheads bezeichneten sich gern selbst als Outlaws. Dieser Begriff taugte zu dieser Zeit um eine subkulturelle Identitätsstiftung zu ermöglichen. Das Hören von harter Musik, der spezielle Habitus, verschiedene Szenecodes wie das Tragen von langen Haaren und schwarzen Band-Shirts halfen dabei. Der Autor beschreibt eine grundsätzliche Ambivalenz zwischen Liberalität und Konservatismus, die der Metal-Szene schon immer innewohnte. Freiräume wollten erobert werden, dabei mussten aber reglementierende und einengende Aspekte des Rechts eingehalten werden. Die Gründung von Vereinen und das Veranstalten von Konzerten erforderte die Einhaltung von Bestimmungen, Gesetzen und Vereinsrecht. Pichler nennt in diesem Zusammenhang das Grazer Jugendkulturzentrum Explosiv als  eine äußerst wichtige Institution, die seit 1988 existiert und bis heute von treuen Besucher:innen als „Familie“ betrachtet wird. 

    Der Autor beschreibt weiter wie sich die Szene in den 1990ern zunehmend politisierte, es kam zu einer Pluralisierung der Werte. Diskussionen gab es etwa um die Rolle von Frauen und um Männlichkeit, dies führte dazu dass Frauen in der Szene stärker präsent waren. Gleichzeitig aber lebte der konservative Patriarchalismus weiter, wichtige Positionen blieben männlich besetzt. Pichler nennt Gothic Metal  und Black Metal als Missing Link, der dazu führte dass mehr junge Frauen andocken konnten, die Szene öffnete sich zunehmend. Um 1990 herum fand durch die Grunge Bewegung ein Bruch statt, der auch lokal zu beobachten war. Eine damit einhergehende Liberalisierung der Gesellschaft für die Szene minderte das Bedürfnis zu rebellieren. 

    In den 2000er Jahren setzte eine Digitalisierung ein, vorhandene Strukturen wurden um digitale Räume ergänzt. Pichler spricht davon, dass das Rebellieren online fortgesetzt und der Outlaw-Mythos digitalisiert wurde. Der Kampf gegen ungeschriebene Gesetze einer unfairen Gesellschaft wird nun ironisch relativiert und gebrochen. Es entstand eine Paradoxie: die steirische Metalszene wurde durch einen Liberalisierungsschub erfasst, es kam aber zugleich zu einer neuen Konjunktur traditioneller Werte. Der Autor bezeichnet dies als „digitalen Biedermeier“ des Metal in der Steiermark und spricht hier zugleich von einer Welle des Ultraliberalismus.

    Pichler kommt zum Schluss, dass die steirische Metal-Szene gegenwärtig sehr intakt ist, in Graz und über die gesamte Steiermark existieren viele aktive Netzwerke. Das vorliegende Buch ist kein übliches Fanbuch, sondern eine wissenschaftliche Publikation, die gründlich und fundiert die steirische Metal-Szene erforscht.

  • Rezension: Thomas Schmidinger – Wenn der Herrgott das Wichtigste auf der Welt ist. Katholischer Traditionalismus und Extremismus in Österreich

    Der österreichische Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger ist an der Uni Wien und an der Fachhochschule Vorarlberg tätig und ist auch in zahlreichen Organisationen, Initiativen und Gremien aktiv. Er gilt in Österreich als der Experte für die Themen Politischer Islam, Jihadismus und Naher Osten. In diesem aktuell erschienenen Buch beschreibt er seine Forschungserkenntnisse über verschiedene Einrichtungen katholischer Traditionalisten. Schmidinger hat in mehreren Ländern gründlich nachgeforscht, Messen und Veranstaltungen besucht und Interviews mit zahlreichen Priestern und Gläubigen geführt. 

    Schmidinger sieht eine Beteiligung an diesen Glaubensgemeinschaften des Katholischen Traditionalismus als trotzige Ablehnung des gesellschaftlichen Mainstreams. Er spricht dabei von sturen Modernisierungsverweigernden mit ultrakonservativen Weltanschauungen. Laut dem Autor sind es rückwärtsgewandte Utopien mit einem demokratiefeindlichen Weltbild. Diese verschiedenen Gruppierungen vereinen demzufolge eine Ablehnung von Liberalismus und eine Nähe zum Rechtsextremismus und Antisemitismus.

    Der Autor begründet die Teilnahme in diesen engen Parallelgesellschaften dadurch, dass strikte Regeln und einfache Erklärungen in Krisenzeiten auf manche Menschen attraktiv wirken würden.

    In einer zunehmend unsicher werdenden Welt werden Worte und Handlungen eines Priesters von vielen Gläubigen unhinterfragt als absolut gesetzt. 

    Im Buch wird ein Beispiel genannt, wie erzkonservative Einrichtungen versuchen, in die Gesellschaft zu wirken.  So hat vor einigen Jahren ein Verein unter dem Deckmantel Sexualpädagogik Workshops in Schulen durchgeführt. Dabei wurde gegen Abtreibung und Homosexualität propagiert, auch gegen Sex vor der Ehe. Erst 2019 kam es dann zu strikteren Überprüfungen durch das Bildungsministerium.

    Hauptaugenmerk legt Schmidinger in seinem Buch auf die Priesterbruderschaft St. Pius X, die auch als Piusbrüder bezeichnet werden. Diese bedeutendste und einflussreichste Strömung der traditionalistischen Priesterbruderschaften stellt laut ihm die weltweit größte katholisch-fundamentalistische Organisation dar. Der Autor beschreibt bei ihnen sektenartige Strukturen und eine Kontrolle der Gläubigen. So würde es eine Einteilung in gute Innenwelt und böse Außenwelt geben und verschiedene Verschwörungstheorien essenziell zum Gedankengut gehören.  

    Schmidinger schildert in seinen Ausführungen, dass die Jugendarbeit der Piusbruderschaft in Österreich gut ausgebaut sei. Er beschreibt ein System, das den eigenen Kindern kaum Möglichkeiten lässt, aus dieser geschlossenen Welt zu entfliehen. Dabei sollen Jugendliche bis zum Arbeitsleben soweit abgeschottet und gefestigt werden, dass sie nicht mehr abtrünnig werden. Der Autor beschreibt weiters die Anwendung einer stark ausgeprägten Angstpädagogik zur Erziehung der nächsten Generation. Gleichberechtigung von Frauen, Verhütung und Homosexualität würden strikt abgelehnt.

    Laut dem Autor hat sich im Umfeld der Piusbruderschaft im Zusammenhang mit den Coronamaßnahmen eine starke Impfskepsis entwickelt. COVID wird als „Lektion Gottes“ interpretiert, die Covid-Impfung wird daher als moralisch bedenklich angesehen. Auffallend ist für Schmidinger auch ein regelmäßiger Anti-Abtreibungsaktivismus, Teilnehmer:innen bezeichnen sich als Lebensschützer:innen. Für ihn ist das Abtreibungsthema ein wichtiges Bindeglied zum Rechtsextremismus. Die Piusbruderschaft hat auch in Österreich mehrere Gemeindezentren, unter anderem in Graz.

    Dieses Buch ist verstörend. Es sind religiöse Gruppierungen, die von der Öffentlichkeit als unauffällig oder nicht problematisch wahrgenommen werden. Schmidinger beschreibt Hintergründe, zeigt Verbindungen auf und erklärt schlüssig, was daran problematisch ist. Teilweise verzettelt sich der Autor in Details und wird zu speziell in Bezug auf historische Entwicklungen. An anderen Stellen sind einige unnötige Wiederholungen nicht nachvollziehbar und verwirrend. Insgesamt bietet dieses Werk wichtige Informationen über demokratiefeindliche und menschenverachtende Weltbilder innerhalb Strömungen der katholischen Kirche.