Ulrike Schiesser arbeitet seit mehreren Jahren bei der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen und ist Expertin in den Bereichen Esoterik, Personenkulte und Verschwörungsideologien. Holm Gero Hümmler ist Physiker und in Deutschland als Unternehmensberater tätig. Die Autorin und der Autor haben in diese Publikation ihre langjährigen Erfahrungen einfließen lassen, ergänzt durch Interviews mit 20 Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen. Ihr Anliegen ist es Erklärungen, Anregungen und Denkanstöße zu liefern, aber auch konkrete Vorschläge für typische Gesprächssituationen anzubieten. Zudem kommen ehemalige Verschwörungsgläubige zu Wort und erklären, welche Faktoren bei ihnen ein Umdenken ausgelöst haben.
Die beiden Autor:innen betonen, dass Verschwörungsglaube stets eine Bedrohung für die Demokratie darstellt und gehen mit Verschwörungsgläubigen hart ins Gericht. Damit verbunden ist nicht selten die Überzeugung, die Gesellschaft ohnehin nicht mitgestalten zu können, da sie von finsteren Mächten gesteuert werde. Eine solche Haltung kann Hass, Gewalt und Extremismus begünstigen. Verschwörungsgläubige können demnach gewaltbereite Personen sein und auch Allianzen mit radikalen Bewegungen bilden, etwa mit den sogenannten Reichsbürgern.
Im Buch wird ausführlich beschrieben, wie stark unser Denken und unsere Entscheidungen von Gefühle gesteuert werden. Emotionen bestimmen unser Handeln deutlich stärker als Logik und Verstand. Weiters werden verschiedene psychologische Mechanismen und ihre Wirkungsweise beschrieben. Menschen glauben eher an das, was sie glauben möchten, sie neigen zu Selbstüberschätzung und sind anfällig für Denkfehler. Zudem gehen wir bei der Urteilsbildung oft den Weg des geringsten Widerstandes.
Eine Strategie im Umgang mit Verschwörungsgläubigen hängt laut den Autor:innen immer von der jeweiligen Situation ab, daher kann es kein allgemeingültiges Erfolgsrezept geben. Schweigen sei jedoch keine Option, wenn durch gefährliche alternative Heilmethoden Kinder oder andere schutzbedürftige Personen zu Schaden kommen könnten. Ebenso müsse klar Stellung bezogen werden, wenn sich Pseudowissenschaft mit Rassismus verbindet und durch Verschwörungstheorien der Holocaust gerechtfertigt wird.
Als eine Empfehlung für die Gesprächsführung raten die Autor:innen dazu eher kritische Fragen zu stellen, anstatt direkt zu argumentieren. Im Idealfall gelangt das Gegenüber dadurch selbst zu neuen Einsichten. Das übergeordnete Ziel ist es nicht, sein Gegenüber zu überzeugen, sondern im Gespräch und in Beziehung zu bleiben. Trotzdem ist es wichtig Position zu beziehen und Widerspruch zu äußern, um einer Normalisierung antidemokratischen Gedankenguts entgegenzuwirken.
Es wird betont, dass die Beziehungsebene entscheidend für die Aufnahme von Informationen ist. Um Menschen zu erreichen, müssen ihre Emotionen angesprochen werden, eine reine Faktenvermittlung genügt nicht. Ein wichtiger Erfolgsfaktor in der Deradikalisierung ist eine konstruktive Diskussionskultur: ein wertschätzender Umgang und eine gute Gesprächsbasis, statt bloßes Korrigieren und Belehren.
Fazit:
Da Verschwörungsglaube seit Jahren im Steigen ist, erweist sich dieses Buch als äußerst praxisnaher Ratgeber. Es macht verständlich, warum wir alle stark von Emotionen gesteuert sind und liefert konkrete Handlungsempfehlungen für schwierige Gespräche. Und die gute Nachricht lautet: ein Umdenken ist möglich, aber oft langwierig und schmerzvoll.
