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  • Workshop: Fit im Umgang mit Extremismus, Radikalisierung, Fanatisierung

    Fit im Umgang mit Extremismus, Radikalisierung, Fanatisierung
    Eine Weiterbildung für Multiplikator*innen, die mit Jugendlichen arbeiten

    am 24.09.2021
    9:00 bis 16:00 Uhr
    Ort: Jugendkulturzentrum Explosiv, Bahnhofgürtel 55a, 8020 Graz

    Ein weiterer Termin im März 2022 als Follow-up wird noch bekannt gegeben.
    Die Teilnahme an der Weiterbildung ist kostenlos.

    Eine Veranstaltung des Vereins SPUNK Graz, in Kooperation mit dem Jugendkulturzentrum Explosiv.
    Gefördert durch Mittel der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung.

    Maximale Anzahl der Teilnehmer*innen: 15 Personen

    Anmeldung bis 15.08.2021 unter office@spunk-graz.at

    Mehr Informationen gibt es in der Ausschreibung.

  • Rezension: Erwin Ringel – Die österreichische Seele

    Erwin Ringel, der charismatische österreichische Psychotherapeut und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, hätte vor kurzem seinen 100. Geburtstag gefeiert. Bereits 1948 gründete er das weltweit erste Suizidpräventionszentrum in Wien und beschrieb 1953 das präsuizidale Syndrom, welches als Meilenstein in der Suizidforschung gilt.

    Erwin Ringel hat im Lauf seines langen Lebens etwa 600 Arbeiten geschrieben, darunter 20 Bücher. Für seine umfassende Arbeit hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten.

    „Die österreichische Seele“ ist ein Klassiker, das Buch ist eine scharfsinnige, präzise, schonungslose und doch liebevolle Analyse der österreichischen Befindlichkeit. Es beinhaltet zehn als Reden formulierte Abschnitte über große Themen wie Politik, Kunst, Medizin und Religion, die bei ihrem Erscheinen 1984 heftige Kontroversen auslösten. Ringel wurde als Nestbeschmutzer beschimpft, manche fühlten sich angegriffen, viele in ihrem tiefsten Inneren verstanden.

    Das Buch profitiert von der Lebendigkeit der Sprache Ringels. Auffällig ist, dass er sehr oft viele andere SchriftstellerInnen, und KünstlerInnen zitiert und deren Aussagen in den jeweils passenden Kontext seiner Ausführungen stellt. Generell schreiben viele BuchautorInnen ab, ohne das Original zu nennen. Ringel zitiert etwa den Erziehungswissenschaftler Frederick Mayer: „konventionelle Erziehung ist eine Einladung zur Depression.“ Der auch heute noch sehr populäre Familientherapeut Jesper Juul baut einige seiner Bücher auf diese These auf, nur dass Ringel in seinem Buch die Quelle für diese Aussage angibt.

    Der 1994 verstorbene Autor spricht von einer Verdrängungsgesellschaft und dass wir nirgends gelernt hätten mit unseren Gefühlen zurecht zu kommen. Folgend bezeichnet Ringel Österreich als Brutstätte der Neurose und dass die Psychotherapie hier erfunden werden musste. Verdrängung, Ängste und Zwänge würden ein ganzes Volk beherrschen. Inzwischen ist tatsächlich das meiste an die Oberfläche gekommen, was Ringel vor vielen Jahrzehnten angeprangert hat.

    Ringel schreibt den ÖsterreicherInnen zu, dass sie eine angeborene Bereitschaft zu devotem Dienen und zu vorauseilendem Gehorsam hätten. Damit erklärt der überzeugte Antifaschist auch in deutlichen Worten die Schuld Österreichs, am Ausbreiten des Nationalsozialismus über ganz Europa.

    Ringel hatte ein ausgeprägtes Verständnis für Jugendliche, was in vielen Äußerungen klar wird. Hier folgen auszugsweise vier beispielhafte Zitate aus dem Buch, die keine weitere Erklärung benötigen:

    „Das ist das Wunderbare an dieser Jugend in meinen Augen, dass sie mit dieser Welt, die wir ihr präsentieren, nicht zufrieden ist; und dass sie trotz alledem nicht aufgibt, sich in der großen Mehrzahl nicht enttäuscht zurückzieht, nicht „aussteigt“, sondern versucht, sich den Problemen zu stellen.“

    „Die Kindheit ist keine Vorbereitungszeit, die man möglichst rasch durchlaufen soll, sie besitzt einen Eigenwert.“

    „Unsere Erziehung vermittelt oft einseitig Wissen und Bildung, während die Menschenbildung, die Entwicklung der Persönlichkeit, überhaupt nicht Berücksichtigung findet.“

    „Echte Autorität ist nicht Gewaltausübung und Machtanspruch, sondern Vorbild und Beispiel.“

    Diese zeitlose Pflichtlektüre ist auch heute noch aktuell wie zur Zeit seiner Erscheinung vor 35 Jahren.

  • Rezension: Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler (Hg.) – Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen „Identitären“.

    Das 2018 erschienene Buch ist ein Sammelband von 14 österreichischen Expertinnen und Experten über die „Identitäre Bewegung Österreichs“. Diese seit 2012 in Österreich aktive Gruppierung wird seit 2016 vom österreichischen Verfassungsschutz als rechtsextrem geführt. Nachdem sich diese Szene nach der Zerschlagung der neonazistischen „alpen-donau-info“- Internetplattform neuformieren musste, haben die Identitären diese Lücke gefüllt.

    Der Sammelband belegt und verdeutlicht den rechtsextremen Charakter der Identitären und deren tiefe Verankerung in rechtsextreme Traditionen. Ein großer Teil der Identitären rekrutiert sich laut den AutorInnen personell aus der österreichischen Neonaziszene und aus deutsch-völkischen Studentenverbindungen. Nach den Schlussfolgerungen ist ihre Ideologie antidemokratisch ausgerichtet und propagiert das Konzept der menschlichen Ungleichheit. Die Bewegung sieht sich als politische Elite und ist autoritär-hierarchisch aufgebaut. Ihre Ziele richten sich gegen eine liberale und multikulturelle Gesellschaft. Es wird von den AutorInnen die Meinung vertreten, dass ein ausgeprägter Antifeminismus einen zentralen Bestandteil ausmacht.

    Die Politikwissenschafterin Judith Goetz, deren drei Artikel in dem Buch hervorzuheben sind, kritisiert, dass viele Medien und auch Fachleute den harmlos wirkenden Begriff „Neue Rechte“ übernommen und damit den Aufstieg der Bewegung begünstigt hätten. Diese Benennung würde implizieren, dass sich die Identitären von den alten Rechten und somit vom Nationalsozialismus distanzieren und dass sie weniger radikal und extrem sind. Das alles ist laut Goetz nicht der Fall. Den eigentlichen Erfolg hätten ihnen viele Medien ermöglicht, die unreflektiert und bildreich über deren strategische Aktionen berichtet und ihnen so zu dem Bekanntheitsgrad verholfen hätten, der ihnen heute zukommt. Sie hält es für einen Mythos, dass Rechtsextreme sich selbst entlarven würden, wenn man sie nur sprechen lässt. Identitäre würden geschickt jede Bühne nutzen, die ihnen geboten wird, um antidemokratische Ideologien zu propagieren und zu verharmlosen. Die Autorin plädiert daher für einen stärkeren journalistischen Berufsethos, der Ausgrenzung und diskriminierendes Verhalten nicht zulässt.

    Die vorliegenden Beiträge beschreiben die geschickten Kommunikations- und Medienstrategien der Identitären. Es würde nur wenige Aktivisten, aber spektakuläre Aktionen und medienwirksame Bilder brauchen, ganz nach dem Motto: „Empörung ist die beste Werbung“.

    Entgegen ihrer Selbstdarstellung handelt es sich bei den Identitären laut den AutorInnen um eine gewaltbereite neofaschistische Gruppe, der es gelingt aus dem Schatten des Nationalsozialismus hinaus zu treten, um so anschlussfähig für gesellschaftliche Debatten sein zu können. Die Identitären sind demnach nicht so friedlich, wie sie sich darstellen, zahlreiche Übergriffe sind dokumentiert. Die Heroisierung von Gewalt und Bürgerkriegsrhetorik geht einher mit einschlägigen Männlichkeitsbildern.

    Die Identitären verwenden neue Begriffe, um rechtsextreme Inhalte kampagnenfähig zu machen. Man redet zum Beispiel von „Remigration“ statt Abschiebung und „dem großen Austausch“ statt „Überfremdung“.

    Thorsten Mense, einer der Autoren, vertritt die Meinung, dass die Identitären für ein totalitäres Weltbild stehen, in dem jeder einzelne Mensch unentrinnbar „seiner“ Kultur und Herkunft untergeordnet wird und Pluralismus als Bedrohung gilt.

    Besonders strukturschwache Regionen bieten einen guten Nährboden für rechtsextreme Ideologien. So ist die stärkste österreichische Gruppe der Identitären in der Steiermark vertreten, wo sie, neben einem sehr aktiven Zentrum in Graz, in verschiedenen ländlichen Regionen tätig ist.

    Manche Artikel sind bereits einige Jahre alt und beschreiben Situationen, die sich seither verändert haben. Das zeigt wie stark sich diese Szene wandelt. Eine Konstante seit Beginn ist der Wiener Vollzeitaktivist Martin Sellner, der sich vor wenigen Jahren noch in militanten Kreisen neben Neonazi Gottfried Küssel bewegte. Sellner ist die zentrale Leitfigur der Bewegung und wurde im September 2020 zum Obmann der IB wiedergewählt.

    Als Folgerung ist es wichtig die Identitären als das zu bezeichnen, was sie sind: gefährliche Rechtsextreme und keine neurechten Hipster.

  • Rezension: Ralph Ghadban – Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr

    Ralph Ghadban wurde 1949 im Libanon geboren und lebt seit 1972 in Deutschland. Er studierte Philosophie in Beirut und promovierte als Politikwissenschafter in Berlin. Seit 1993 ist er in der Migrationsforschung tätig, mit dem Schwerpunkt Islam im Westen.

    Als Sozialarbeiter, ehemaliger Leiter der Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks in Berlin und als Anstaltsbeirat der JVA Tegel hatte er direkten Kontakt zu vielen Clanmitgliedern und sammelte viel Erfahrung und Insiderwissen. Ghaban engagiert sich in verschiedenen muslimischen Gremien, hat an mehreren Deutschen Islamkonferenzen mitgearbeitet und gründete 2015 das Muslimische Forum Deutschlands.

    In seinem 2020 veröffentlichten Buch vertritt er die Meinung, dass die Asylpolitik versagt hat und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass sich arabische Clans nur schwer in die westliche Gesellschaft integrieren wollen. Die zentrale These seiner massiven Kritik: Es gibt Clans, die keinen Respekt vor dem deutschen Staat, seinen Gesetzen und seinen Institutionen haben und sich von der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Er bezieht sich in seinem Buch auf die Situation in Deutschland, welche in Österreich vermutlich sehr ähnlich ist.

    Der Autor beschreibt die Einwanderung nach Deutschland im Zuge des libanesischen Bürgerkriegs in den 1970er Jahren, die vom Staat verschuldete Nichtintegration durch eine ledigliche Duldung sowie Arbeitsverbote und die daraus resultierende Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat und kriminellen Raubzüge. Er untersucht die kollektive Identität der Großfamilien und sieht sie als feste Grundlage für die Clankriminalität. Während der Clan in den Herkunftsstaaten dem Schutz der Gruppe diente, hat er sich heute in Deutschland zu einer kriminellen Organisation entwickelt. Laut Ghaban bilden sich innerhalb der Clans eigene Strukturen, die kaum durchbrochen werden können und durch die eine Parallelgesellschaft entstanden ist, die ein alternatives Wertesystem verfolgt.

    Der Autor beschreibt, dass man von der hier aufgewachsenen zweiten Generation erwartet hat, dass sie sich in das moderne westliche Modell integriert. Dies leider in zu vielen Fällen ohne Erfolg. Denn auch diese Generation wird hier ausgegrenzt und in der Heimat ihrer Eltern sind sie ebenfalls Fremde. Das Fehlen einer Identität führt zu einer inneren Zerrissenheit, die sich destruktiv auswirken kann.

    Laut dem Autor wird in vielen Fällen Integration gar nicht angestrebt, die betreffenden Menschen sehen keinen Grund dafür. Oft fehlt eine notwendige gemeinsame Basis für das Zusammenleben mit anderen Menschen außerhalb der Clans. Damit ein modernes westliches Gesellschaftssystem funktionieren kann, muss ein entsprechender Bürgersinn vorhanden sein, welcher laut Ghaban bei diesen Clans vollständig fehle.

    In Deutschland gibt es regelmäßig Situationen, bei denen die Polizei massiv bedroht und eingeschüchtert wird. Dadurch sind No-Go-Areas entstanden. Laut Ghaban versuchen kriminelle Clans die Staatsgewalt zu untergraben, es komme so zu einer Aushöhlung des Rechtsstaates. Polizei- und Justizarbeit würden behindert, da hinter den Kulissen Clanmitglieder Vereinbarungen treffen würden. Er ist der Ansicht, dass es bereits eine Paralleljustiz gibt. Bei vielen Strafverfahren aus dem muslimischen Kulturkreis würde es Abmachungen geben, die zu Freispruch oder Einstellung kommen. Grund dafür sei eine Entlastung der unterbesetzten Gerichte. Durch übertriebene Toleranz gegenüber MigrantInnen gäbe es mittlerweile eine Vielzahl an Wiederholungstätern die frei herumlaufen. Selbst Jugendämter würden von Clans in vielen Fällen eingeschüchtert werden.

    Als Schlussfolgerung findet Ghadban deutliche Worte: er macht die Mehrheitsgesellschaft dafür verantwortlich, dass Parallelgesellschaften und kriminelle Clans es geschafft haben die Gesellschaft zu spalten. Behörden und Institutionen würden bei der Ausübung ihrer Zuständigkeiten im Umgang mit MigrantInnen aus Angst vor negativen Reaktionen zu nachlässig sein.

    Der Autor gibt die Hauptschuld dafür der Political Correctness und einer falsch verstandenen Toleranz. Die Politik trage die volle Verantwortung für die gescheiterte Integration.

    Ghabdan fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz, Schule, Jugendamt und anderen Behörden und setzt sich für eine effektivere Präventionsarbeit ein.

  • Rezension: Thomas Schmidinger – Jihadismus: Ideologie, Prävention, Deradikalisierung

    Erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren österreichische Autorinnen und Autoren, die zum Thema Islam publizieren. Von diesen ist Thomas Schmidinger derzeit wohl der mit der meisten Kompetenz und Erfahrung. Als Politikwissenschafter ist er an der Uni Wien und an der Fachhochschule Vorarlberg tätig und in zahlreichen Organisationen, Initiativen und Gremien aktiv. Schmidinger gilt in Österreich als der Experte für die Themen Politischer Islam, Jihadismus und Naher Osten.

    Das 2015 erschienene Buch bietet eine ausführliche Einführung zur Entstehung und ideologischen Entwicklung des Jihadismus und gibt auch einige praktische Hinweise für den Umgang mit dem Phänomen Radikalisierung. Schmidinger gibt einen gut verständlichen Einblick in die komplexen Strömungen des Islam. Die detaillierten Abhandlungen über Entwicklungen einzelner Terrororganisationen wie Al-Qaida und ISIS und deren Abspaltungen sind teilweise schwierig zu lesen aber erforderlich für ein ganzheitliches Verständnis des Politischen Islamismus.

    Schmidinger beschreibt den Islam als Weltreligion, die genauso pluralistisch, widersprüchlich und von unterschiedlichsten AkteurInnen mit unterschiedlichsten Interpretationen durchzogen ist, wie jede andere Weltreligion. Fundamentalistische Strömungen, die für Ideologisierung und Politisierung tauglich sind, gibt es laut dem Autor überall. Er weist darauf hin, dass der Politische Islam kein Alleinstellungsmerkmal hat. Gegenwärtige politische und gesellschaftliche Krisen in islamisch dominierten Staaten und Gesellschaften haben deshalb laut Schmidinger nichts mit dem Islam als Religion, sondern mit den Gesellschaften und politischen Systemen sowie mit den Ökonomien dieser Regionen zu tun.

    Auch aus Österreich begannen sich seit Ende 2013 immer mehr junge Jihadisten nach Syrien abzusetzen. Als Beispiel für eine pro-jihadistische Jugendszene in Österreich nennt Schmidinger zwei Grazer Rapper. Diese wurden 2014 wegen Verhetzung und Gutheißung von terroristischen Handlungen verurteilt, dadurch nahmen sie eine Märtyrer-Rolle ein und erhielten in der Szene Glaubwürdigkeit und Anerkennung. In deren Texten kommen offen gewaltverherrlichende und antisemitische Zeilen vor. Die Welt der beiden Gangsta-Rapper ist vom klassisch antisemitischen Topos der freimaurerisch-zionistischen Weltverschwörung beherrscht. Diese Inhalte stehen für das jugendkulturelle Lebensgefühl am Beginn eines Radikalisierungsprozesses. Es macht aber auch Entfremdungserfahrungen deutlich, die wesentlich zu einer Radikalisierung beitragen können.

    Schmidinger bezeichnet nennt den Mangel an positiven Vorbildern als Problem. Er beschreibt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit bei den Burschen eine große Rolle spielt. Auf der Suche nach Ersatzvätern landen sie nicht selten bei jihadistischen Predigern, die genau diese Funktion erfüllen.

    Exemplarisch werden zehn Fallgeschichten von jungen Menschen beschrieben, die aufzeigen, wie verschieden die Wege in den Jihadismus sind. Darunter findet sich auch ein Bericht einer Mutter, die ihren Sohn auf diese Weise verloren hat.

    Was all diese Biografien gemeinsam haben sind Entfremdungserfahrungen.

    Im „Kampf für den wahren Islam“ erhofften sich diese Jugendlichen Werte, die sie in ihrem bisherigen Umfeld nicht vorfanden: Zugehörigkeit, Sinn und Gemeinschaft.

    Schmidinger fordert gesellschaftliche, ökonomische und politische Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen möglichst wenige Menschen solche Entfremdungen erfahren müssen. Er richtet sich damit an Politik und Gesellschaft: Wie können sich möglichst viele Menschen als Teil der Gesellschaft fühlen?

    In der Präventionsarbeit mit gefährdeten Jugendlichen können Schule und Sozialarbeit – insbesondere Jugendarbeit – vieles bewirken. Der Autor meint, dass Prozesse, die zu einer Radikalisierung führen, auch wieder reversibel sein können. Dazu brauche es aber eine langfristige professionelle Begleitung.

    Als Fazit dieses Buches zwei Zitate, die Schmidinger an Politik und EntscheidungsträgerInnen richtet:

    „Wichtig dabei ist, dass es sich bei der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit um einen gesamtgesellschaftlichen Prozess handelt, in den MuslimInnen und NichtmuslimInnen eingebunden werden müssen. MuslimInnen sind damit nicht nur ein Teil des Problems, sondern auch ein Teil der Lösung. Sollen Deradikalisierung und Prävention erfolgreich sein, müssen sie in diese Arbeit eingebunden werden.“

    „Das Problem ist nicht mit der Finanzierung von kleinen Alibi-Projekten zu lösen und die Folgekosten von Untätigkeit werden nicht nur finanziell, sondern auch gesellschaftlich und politisch wesentlich höher sein als jene für professionelle Präventions- und Defanatisierungsmaßnahmen.“

  • Rezension: Julia Ebner – Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren

    Die gebürtige Wienerin Julia Ebner lebt seit einigen Jahren in London und forscht zum Thema Online-Extremismus am „Institute for Strategic Dialogue“, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Regierungsorganisationen und Polizeiorganen. „Radikalisierungsmaschinen“ ist bereits ihr zweites Buch, nachdem das vor eineinhalb Jahren erschienene Werk „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ aufzeigt, wie sich die Strategien von Islamismus und Rechtsradikalismus wechselseitig ergänzen und verstärken.

    Im Rahmen der Recherche zum vorliegenden Buch hat sich die Autorin mit verschiedenen Identitäten undercover in insgesamt 12 radikale Gruppierungen eingeschleust, die sich quer durch das ideologische Extremismus-Spektrum ziehen. Sie erkennt, Radikalisierung folgt einem klaren Skript: Rekrutierung, Sozialisierung, Kommunikation, Vernetzung, Mobilisierung, Angriff.

    Das Buch beschreibt anschaulich wie extremistische Bewegungen die neuesten Technologien nutzen, um ihre rückwärtsgewandten Vorstellungen durchzusetzen. Auch Islamisten nutzen seit vielen Jahren geschickt die Vorteile neuer Medien und sind zu sehr effektiven Cyberangriffen fähig. Diese neue Form von Terrorismus ist zu einer Art Online-Spiel geworden. Extremismus kombiniert konservative mit progressiven Elementen. Die Stoßrichtung vieler radikaler Bewegungen: Vorwärts in die Vergangenheit.

    Ebner führt aus, wie der Online Raum die Mobilisierung von Aktivitäten revolutioniert hat. Bei nahezu allen Radikalisierungsfällen spielen Social Media Plattformen eine wichtige Rolle. Die Kontaktaufnahme erfolgt oft über Facebook und wird dann über verschlüsselte Chatrooms auf WhatsApp oder Telegram fortgeführt. Extremistische AkteurInnen sind heute stärker miteinander vernetzt als jemals zuvor.

    Laut der Autorin fließt ein großer Teil der Ressourcen von ExtremistInnen in Medienarbeit, diese hätte eine sehr große Bedeutung. In den verschiedenen sozialen Netzwerken werden bewusst Falschinformationen, sogenannte Desinformationen, verbreitet. Dabei wird mit Algorithmen gearbeitet, die ähnliche Ideologien verlinken. Die vorgeschlagenen Inhalte steigern sich dabei und werden immer extremer. Youtube gilt als Hauptnährboden für Extremismus, eine unpolitische Recherche führt so schnell zu Suchergebnissen mit radikalen Inhalten.

    Die Autorin ist der Meinung, dass Radikalisierung längst nicht mehr rein männlich ist. Die Bedeutung von Frauen hat sowohl im islamistischen wie auch im rechtsextremen Spektrum  zugenommen. Insgesamt agieren Frauen im IS moderner und emanzipierter als deren Pendant im Rechtsextremismus. Sie haben in den sozialen Medien Propaganda gepostet, Männer für den Dschihad rekrutiert und zum heiligen Krieg ermutigt oder deren Familien davon überzeugt, mit nach Syrien zu gehen. Meist agieren sie allerdings im Hintergrund und sind somit weniger sichtbar.

    Ebner nennt Antifeminismus als einen wesentlichen Bestandteil des Rechtsextremismus. Dieser wird aber nicht nur von Männern befürwortet und propagiert. Weltweit gibt es Frauenrechtsaktivistinnen, die zurück wollen zu traditionellen Machtverhältnissen und zu überzeichneten Bildern von Mann und Frau. Antifeministische Frauengruppen richten sich gegen moderne Frauenbilder, wie zum Beispiel die Trad Wifes in den USA. Das erinnert an die These von Willibald Holzer, der bereits in den 1980ern Rechtsextremismus als Folge von radikalisiertem Konservatismus beschrieben hat.

    Ebner weist deutlich darauf hin, dass die Demokratie in den westlichen Ländern aktuell in einer großen Krise steckt. Sie vertritt die These, dass wir alle eine unterbewusste Vorliebe für radikale Inhalte haben. Das führe dazu, dass Unternehmen und Politik kein echtes Interesse haben, Extremismus zu bekämpfen. Für sie liegt die Lösung nicht allein in stärkerer Überwachung der Plattformen oder der Entfernung von Inhalten. Denn genau diese Einschränkungen der Meinungsfreiheit hätte viele empfänglich gemacht für die Rhetorik von Extremisten und würde zu kurz greifen. Die Lösung liege vielmehr darin in Bildung und Medienkompetenz zu investieren: „Die große Herausforderung des heutigen Bildungssystems besteht darin, kritisch denkende, medial gebildete digitale BürgerInnen hervorzubringen, denen die Kontaktaufnahme- und Manipulationsstrategien von Extremisten nichts anhaben können.“

    Die junge Forscherin und Autorin hat für dieses Buch zu Recht einen Preis für das Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 bekommen. Ihre wichtigen Undercover-Recherchen erinnern an den deutschen Journalisten mit dem Decknamen „Thomas Kuban“, der viele Jahre konspirativ in der Neonazi Szene recherchiert hat und dabei auf zahlreichen Rechtsrock Konzerten heimlich mitgefilmt hat. Dessen Ergebnisse sind 2012 in einem Buch und einem Dokumentarfilm erschienen, die beide den Namen „Blut muss fließen“ tragen.

    Am Ende bleibt die erschreckende Erkenntnis, dass diese wichtige Arbeit oft NGOs oder engagierten Privatpersonen überlassen wird. Diese müssen regelmäßig entscheidende Erkenntnisse liefern, weil der Staatschutz zuwenig Ressourcen hat und der politische Wille fehlt, Extremismus ernsthaft und langfristig zu bekämpfen.

  • Rezension: Ahmad Mansour – Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen

    Ahmad Mansour wurde in Israel geboren und lebt seit 2004 in Deutschland, wo er als Psychologe und Buchautor tätig ist. Er beschäftigt sich intensiv mit den Themen Radikalisierung, Extremismusprävention, Antisemitismus und Unterdrückung im Namen der Ehre. In seiner Schulzeit wurde er von einem fundamentalistischen Iman angeworben und war bis zu seinem Studium selbst ein Islamist, daher bietet sein Buch Authentizität. Der Autor schildert die Phase seiner Anwerbung, die Bedürfnisse, Interessen und Defizite Jugendlicher mit muslimischem Hintergrund, die sich in der westlichen Gesellschaft nicht zurechtfinden können.

    Mansour bezeichnet sich selbst als islamkritischen liberalen Moslem und plädiert für eine innere Reform des Islam. Er vertritt die Meinung, dass viele im Westen lebende Muslime die Meinungsfreiheit ablehnen, vor allem wenn es um Religionskritik geht. Es dürfe keine Toleranz geben, wenn Demokratie oder Menschenrechte nicht akzeptiert werden.

    Nachdenklich stimmt die Aussage, dass weniger die nach Syrien ausreisenden Dschihadisten die große Gefahr bedeuten, als vielmehr jene hunderttausende Jugendlichen, die in Europa wohnen, jedoch europäische Werte und den europäischen Lebensstil radikal ablehnen.

    Das Buch beinhaltet die These, dass es nur begrenzt gültig sei, dass Erfahrungen von Diskriminierungen und Ausgrenzungen für die Hinwendung Jugendlicher zum Dschihadismus verantwortlich sind. Bei der Radikalisierung von Jugendlichen spielt laut Mansour die Tabuisierung von Sexualität eine Schlüsselrolle. Unterdrückte Sexualität im streng zelebrierten Islam könne zu Frust und so zu Aggression führen – dadurch entstünde ein großes Gewaltpotential.

    Wie der Buchtitel bereits verrät, kritisiert der Autor bisherige Versuche, dem Problem zu begegnen. Er übt harte Kritik an den zahlreichen prestigeträchtigen, aber wirkungslosen Projekten der Deradikalisierung. Mansour spricht im Zusammenhang von Deradikalisierungsmaßnahmen von einem Versagen auf ganzer Linie. Er fordert Schluss mit der „Ihr – Wir“ Debatte. Es sind Jugendliche, die zum Großteil eine europäische Staatsbürgerschaft besitzen, also Teil der westlichen Gesellschaft sind. Daher dürften die Probleme nicht als etwas Fremdes angesehen werden. Zugleich betont dieses Werk auch die Notwendigkeit einer professionellen Präventionsarbeit im Kampf gegen Extremismus und zur Stärkung demokratischer Werte und toleranter Geisteshaltungen. Dafür brauche es bessere Rahmenbedingungen, die es derzeit leider nicht gibt. Der Kampf gegen Radikalisierung sei nicht nur Aufgabe der Sicherheitsbehörden. Im Buch wird betont, Radikalisierung sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, ebenso müsse man diesem Phänomen begegnen. Die Kooperationspartner im Kampf gegen Islamismus müssten besser ausgewählt werden, zu oft kämen Projekte mit wenig Kompetenz und Erfahrung zum Einsatz.

    Auch bei den pädagogischen Ausbildungen bedarf es seiner Meinung nach dringend Änderungen, diese seien realitätsfremd und hätten zuwenig Bezug zur Praxis. Bildungseinrichtungen sind ein wichtiger Schwerpunkt für Prävention. Hier besteht die Chance demokratische und mündige Menschen heranwachsen zu lassen. Es brauche in den Ausbildungen dringend Aufklärung, Information und nachhaltige Konzepte. Ausbildungen und Lehrpläne müssten auf die veränderte Situation reagieren. Pädagoginnen und Pädagogen müssten Techniken lernen, um provokante Aussagen auszuhalten, um dadurch notwendige Auseinandersetzungen mit den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen.

    Mansour hält die verstärkte Religiosität unter muslimischen Jugendlichen für ein soziokulturelles Phänomen, das teilweise mit einer Jugendkultur zu vergleichen sei. Mit dem Begriff „Generation Allah“ spricht er von einer aktuellen jugendlichen Tendenz, die Identität aus der Religion zu schöpfen. Hetzer nutzen diesen Wertewandel, in dem Religion zu einem identitätsstiftenden Faktor geworden ist. Salafisten sprächen die Sprache der Jugendlichen, sie machen „perfekte“ Jugendarbeit, ein Großteil der Anwerbungen findet in den Sozialen Netzwerken statt. Es ist ein Lifestyle mit einer mächtigen Symbolsprache.

    Das bereits 2015 veröffentlichte Buch bietet Antworten und Lösungen, die aktuell, etwa im Zuge der Aufarbeitung der verschiedenen Terroranschläge in Mitteleuropa, von Bedeutung sind.

     

  • Rezension: Melisa Erkurt – Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben.

    Das im Sommer 2020 veröffentlichte Buch der Wiener Journalistin Melisa Erkurt ist zurzeit heiß diskutiert im Bereich der Schulpädagogik. Doch es ist gesamtgesellschaftlich relevant, da es wichtige Themen aufgreift, bei denen es dringend zu einer Veränderung kommen sollte. Sie selbst hat ein Jahr lang in den Lehrerberuf reingeschnuppert und auch Schulprojekte an einer Wiener „Brennpunktschule“ durchgeführt. Danach hat sie für sich entschieden, dass sie als Journalistin mehr bewirken kann.

    Erkurt bricht eine Lanze für Migrationskids und plädiert dafür, mehr auf die Lebenswelt der Schülerinnen einzugehen. Die Herausforderung besteht darin, Migrantenkids als Individuen und nicht als Kollektiv zu behandeln. Sie beschreibt Familiensysteme und Lernzustände, in die viele bürgerliche und vor allem EntscheidungsträgerInnen offensichtlich nur wenig Einblick haben. Ein Viertel der ÖsterreicherInnen hat Migrationshintergrund, in Wien sogar jeder zweite. Es ist dies kein Randgruppenthema mehr. BildungsverliererInnen sind zwangsläufig Kinder aus niederen sozialen Schichten, Bildung wird weitervererbt. Politik hat wenig Ahnung was Schule tatsächlich braucht. Schule funktioniert, wie sich bürgerlich weiße Erwachsene das vorstellen. Das geht völlig an den SchülerInnen vorbei.

    Die Autorin zeigt die Vorteile auf, die es haben kann, wenn man zweisprachig aufwächst. Bei entsprechender Förderung sind dies soziale Kompetenzen, die sich jedoch meistens aufgrund der Umstände zu wenig entfalten können. Sie beschreibt das Doppelleben von Jungmachos, die zuhause oft kleingehalten werden und „draußen“ als Ausgleich entweder Ärger machen oder in Schulklassen den Klassenclown geben. Dabei hätten sie viel Potential: durch dieses Doppelleben, ihre Doppelsprachigkeit, ihre Doppelidentität können sie verknüpfter denken, sind oft viel selbstständiger als ihre Altersgenossinnen.

    Im Buch wird ausführlich beschrieben, wie insbesondere muslimische Burschen sich aus der Not heraus krampfhaft an ihre Religion klammern, die ihnen Halt und Struktur bietet. Diese Jungs haben in Wirklichkeit keine Ahnung, was den Islam ausmacht und von dem was sie sagen. Die Mädchen ziehen an den Burschen vorbei. Es sind Jugendliche, die hin- und hergerissen sind zwischen den Werten des konservativen Elternhauses, ihrer sexuellen Neugier und westlichen Einstellungen und Werten. Den Burschen bleibt nur mehr Provokation, sie kontern mit veralteten Rollenbildern und Demokratiefeindlichkeit. Sie haben erkannt, dass sich die Leute vor dem Islam fürchten, das gibt ihnen Macht.

    Es ist höchste Zeit, dass Schule in einem Einwanderungsland wie Österreich lernt, wie man mit Kindern, die eine andere Herkunft haben, gerecht umgeht. Schule gibt diesen Kindern kein Werkzeug mit, um sich davon zu lösen, sie verstärkt die Unterschiede vielmehr.

    Das Buch von Erkurt ist ein Plädoyer für die Ganztagsschule, sie fordert eine vermehrte Einbindung von weiteren Fachkräften in Schulen. SozialpädagogInnen, Schulsozialarbeit, PsychologInnen, SchulassistentInnen.… sollen LehrerInnen bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen. Im Vorzeigeland Schweden etwa besteht ein Drittel des Lehrpersonals nicht aus LehrerInnen.

    An diesem Buch gäbe es viel zu kritisieren. Man könnte es als Selbsttherapie einer Unterdrückten bezeichnen. Es enthält viele inhaltliche Wiederholungen, vieles ist redundant. Kritisch zu hinterfragen ist ihre Rolle als Lehrerin, in dem Jahr, in dem sie unterrichtet hat. Dabei hat sie offensichtlich zuwenig professionelle Distanz gehabt und ein Helfersyndrom gezeigt. Sie schreibt selbst, sie fühlte sich ihren Schülern näher als ihren KollegInnen. Ein Konflikt, der auf Dauer wohl zu einem Problem geworden wäre. Daher war es eine gute Entscheidung, dass sie zum Journalismus gewechselt hat. Weiters könnte man bekriteln, dass nicht nur Migrationskids diese Defizite und Probleme haben. Auch viele andere Kinder haben mit Benachteiligung und Diskriminierungserfahrungen zu kämpfen.

    Allerdings sollte man dieses Buch als das anerkennen, was es ist: eine notwendige deutliche Abrechnung mit einem völlig überholten Schulsystem, dass sich zuwenig an der Lebenswelt der SchülerInnen orientiert und bei dem Migrationskids fast zwangsläufig zu Bildungsverlierern werden.

    Erkurt selbst sagt bei Veranstaltungen, dass dieses Buch kein großer Wurf ist. Diese Aussagen und Erkenntnisse sind nicht neu, werden so seit vielen Jahren von ExpertInnen getätigt. Aber es ist wichtig, dass jemand aus dieser Community selbst diese deutlichen Worte schreibt. Und nicht schon wieder jemand von außen über diese mehrfach benachteiligten Jugendlichen, über die oft vorschnell geurteilt wird.

    Dieses Buch ist ein wichtiger Denkanstoß für PädagogInnen, Erkurt ist offen und ehrlich mit sich selbst und ihrer Geschichte, daher kann es auch betroffenen Jugendlichen Mut geben. Sie hat damit große Missstände aufgezeigt und gleichzeitig Empfehlungen beschrieben, die dringend auf eine Umsetzung warten. Man kann der sympathischen Autorin nur weiterhin viel Kraft und Ausdauer bei ihrem Engagement wünschen.

    Klare Kaufempfehlung!