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  • Rezension: Matthias Pöhlmann – Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen

    Matthias Pöhlmann lebt in Bayern, wo er viele Jahre lang als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen tätig war. Aktuell ist der erfahrene Theologe und Publizist als Lehrbeauftragter an der Uni München beschäftigt. Seine jahrelangen Beobachtungen und Erkenntnisse fließen in das vorliegende Buch ein, welches 2021 im Herder Verlag erschienen ist.

    In seinem Buch zeigt Pöhlmann auf, dass sich unter dem Deckmantel der Esoterik gut extremistisches Gedankengut verbreiten lässt. Esoterische Weltdeutungen würden zu radikalen Einstellungen neigen, seit Mitte der 1990er würden in der Esoterik Szene zunehmend Bücher auftauchen, die Verschwörungstheorien vertreten. Als Feindbild werden dabei hauptsächlich Juden benannt. Dies geschieht teilweise offen aber auch durch Umschreibungen bewusst verdeckt, um sich nicht strafbar zu machen.

    Nach den Beobachtungen des Autors ist Verschwörungsglaube geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik, Medien und Religion. An diese Ideologie anknüpfend bezeichnet er die Corona-Proteste als Hotspots für verschiedene Verschwörungsmythen. Pöhlmann befindet, dass sich die ursprüngliche Skepsis gegen staatliche Pandemiemaßnahmen mehr und mehr zu einer grundlegend demokratiefeindlichen und sicherheitsgefährdenden Haltung entwickelt hat. Laut ihm sind während der Corona Pandemie die Vernetzungen zwischen antidemokratischen Strömungen und einschlägigen Akteur:innen aus dem Extremismusumfeld besonders sichtbar geworden.

    Pöhlmann nennt als problematische Kernpunkte in der Esoterik: Antisemitismus, Rassismus, Intoleranz, Verschwörungstheorien und Sozialdarwinismus. Laut dem Autor sind besonders Theosophie und Anthroposophie immer wieder in den Verdacht geraten, den Boden für rassistische und antisemitische Gedanken vorbereitet zu haben. Die esoterische Anthroposophie Rudolf Steiners und ihr Praxisfeld, die Waldorfpädagogik, gerieten während der Pandemie in die Kritik. Pöhlmann bestätigt dabei Abgrenzungsprobleme gegenüber verschwörungsgläubigen Haltungen. Heute gäbe es nach seinen Beobachtungen Allianzen zwischen Rechtsextremen, Reichsbürgern und Waldorfschulen.

    Der Autor spricht von einem sogenannten zweiten Antisemitismus, mit dem wir es aktuell zu tun haben. Dieser besteht seinen Ausführungen nach darin, dass nicht mehr pauschal „die Juden“ beschimpft werden. Er äußert sich vielmehr in indirekten, verschlüsselten Versionen, in Anspielungen und Codes. Diese neue Art des Antisemitismus behauptet von sich kein Antisemitismus zu sein, was durch verschiedene historische und anthropologische Umdeutungen zu belegen versucht wird. Pöhlmann nennt dafür auch Beispiele aus Musik und Literatur. So greift etwa der deutsche Sänger Xavier Naidoo in mehreren Songs auf typische antisemitische Codes und QAnon Elemente zurück. Der seit Jahrzehnten einschlägig bekannte deutsche Schriftsteller Jan Udo Holey verwendet in seinen Büchern unter dem Pseudonym Jan van Helsing typische codierte Formulierungen, die als rechtsextrem und antisemitisch zu deuten sind.

    Auch Alternativmedizin ist laut Pöhlmann eine wichtige Schnittstelle zu rechtsextremer Ideologie, was Pöhlmann anhand der Germanischen Neuen Medizin nach Hamer deutlich beschreibt: neben der medizinischen Unwirksamkeit wird bei dieser gefährlichen Kurpfuscherei öffentlich der Holocaust geleugnet und rassistische und antijüdische Propaganda verbreitet.

    Als einen ersten Schritt einer Gegenmaßnahme empfiehlt Pöhlmann Person- und Sachkritik voneinander zu trennen, Verschwörungsgläubige nicht abzuwerten oder zu verunglimpfen. Der Einsatz für eine friedliche Welt würde es aber auch erfordern, Grenzen der Toleranz zu benennen.

    Ein Fazit dieses wichtigen Buches: Verschwörungsmythen stellen für die Demokratie eine große Gefahr dar. Der Verschwörungsglaube polarisiert und ist empfänglich für extremistisches und antidemokratisches Gedankengut.

  • Rezension: Katharina Nocun/ Pia Lamberty: Gefährlicher Glaube – die radikale Gedankenwelt der Esoterik

    Das mittlerweile bewährte Autorinnen-Duo Lamberty und Nocun hat soeben ein weiteres Buch zum großen Themenkomplex Verschwörungserzählungen veröffentlicht.  Diesmal beleuchten sie die weite Welt der Esoterik. Ebendiese spielt in zahlreiche problematische Gruppierungen massiv hinein, die aktuell von Bedeutung sind.

    Die Sozialpsychologin Lamberty und die Publizistin Nocun haben jahrelang zu der Thematik geforscht und intensiv in der Szene recherchiert. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass esoterische Weltanschauungen ein Gegenentwurf einer demokratischen liberalen Gesellschaft sind. Innerhalb dieses Weltbilds würden marginalisierte Gruppen systematisch abgewertet und vermeintlich Schwächere als schadhaft für die Gesellschaft gelten.

    Die Autorinnen führen aus, dass jeder Mensch eine gewisse Neigung zu diesen Bewegungen hat. Esoterik spricht psychologische Grundbedürfnisse an, die wir alle in uns tragen. Jeder Mensch ist in unterschiedlichem Ausmaß anfällig für Trugschlüsse und Denkfehler. So tritt niemand bewusst einer sogenannten Sekte bei, sondern man schließt sich einer vermeintlich guten Sache an.

    Auch wenn Esoterik nicht pauschal als extremistisch einzustufen sei, so finden sich dabei laut Lamberty und Nocun doch viele ideologische Anknüpfungspunkte für menschenverachtende Ideologien. Heute aktuelle Bewegungen, wie etwa QAnon, knüpfen an Jahrtausende alte Narrative an, die antisemitisch besetzt sind. Die Autorinnen erklären ausführlich welche Wirkungsmechanismen dazu führen, dass Menschen sich diesen destruktiven Kreisen anschließen.

    Lamberty und Nocun vertreten eine kritische Sicht bezüglich der von Rudolf Steiner gegründeten Anthroposophie. Dessen spirituelle Weltanschauung wurde wesentlich durch die umstrittene russische Okkultistin Helena Blavatskys beeinflusst, aus deren Theosophie Steiner vor gut 100 Jahren seine Thesen weiterentwickelte. Nach den Autorinnen sei die Weltanschauung von Steiner rassistisch und antisemitisch geprägt. Auch wenn man die Ansichten von Steiner im Kontext des Zeitgeists sehen muss, sollte man wissen, welchen Hintergrund die von ihm entwickelte Waldorfpädagogik hat.

    Das Buch nennt exemplarisch einige Beispiele, die untermauern, was genau an Esoterik problematisch sein kann. So wird etwa ausführlich beschrieben, was hinter der Biodynamischen Landwirtschaft steckt, die auf Steiner zurückzuführen ist. Ebenso wird der Hintergrund der völkischen Anastasia Bewegung erklärt.

    Ein weiteres Kapitel widmet sich der Germanischen Neuen Medizin, in der sich verzweifelte Krebspatienten eine alternative „Heilmethode“ erhoffen. Zu letztgenannter gibt es einen Bezug zur Steiermark, da deren mittlerweile verstorbene Gründer über viele Jahre eine Privatklinik in der Nähe von Hartberg führte. Im Buch wird beschrieben, dass durch diese Behandlungen über 500 Patienten zu Tode kamen. Die Germanische Neue Medizin weist laut den Autorinnen einen deutlich antisemitischen Hintergrund auf, sie ist nicht nur in rechtsextremen, sondern auch in linksalternativen Szenen verbreitet.

    Als weiteres Beispiel wird im Buch die „Barcode Verschwörung“ erläutert, die vor einigen Jahren besonders in Bioläden Einzug gehalten hat. Es gab die Annahme, dass Strichcodes Energien bündeln und die Qualität von Nahrungsmitteln beeinflussen würde. Daher haben bestimmte Firmen jahrelang den Barcode ihrer Produkte mittels eines aufgedruckten Striches „entstört“.

    Auch ein Zusammenhang zwischen Impfskepsis und Esoterik ist nicht neu. Die Autorinnen betonen, dass eine Impfablehnung in gewissen Kreisen immer schon antisemitisch aufgeladen war. Hinter einer gesetzlichen Impfpflicht wurde etwa bereits zur Zeit des Nationalsozialismus eine jüdische Verschwörung geortet.

    Fazit: esoterische Weltbilder können vor allem bei den Themen Gesundheit und Ernährung zu problematischen Haltungen führen.

  • Fit im Umgang mit Verschwörungsideologien: 01.12.2022 

    Fit im Umgang mit Verschwörungsideologien: 01.12.2022 

    Eine praxisorientierte Weiterbildung für Multiplikator:innen in der Jugendarbeit

    In den westlichen Demokratien steigt ein Misstrauen gegenüber Politik und Institutionen, aktuell stimmt etwa ein Drittel der Bevölkerung verschwörungsideologischen Aussagen zu. Diese sind oft anschlussfähig für rechtsextreme und antisemitische Ideologien. Verschwörungserzählungen fördern gesellschaftliche Spaltung und Gewalt, aktuell zeigt sich diese Entwicklung bei den sogenannten Coronaprotesten. Das Vertrauen in Demokratie und Wissenschaft wird zerstört. Verschwörungsglaube ist mittlerweile kein Randgruppenphänomen mehr. Krisen sind ein guter Nährboden für Radikalisierung. Verschiedene antidemokratische Bewegungen nutzen die Situation aus, um ihre Interessen zu stärken und neue Anhänger:innen zu rekrutieren. Menschen sind aus vielfältigen Gründen für Verschwörungsideologien anfällig, komplexe Ereignisse werden einfach erklärt. Insbesondere das Internet spielt bei der Verbreitung von Verschwörungsglauben eine wesentliche Rolle. Im Rahmen dieses praxisorientierten Workshops werden Hintergründe, Erkennungsmerkmale und Zusammenhänge erklärt. In einem weiteren Schritt werden Perspektiven und Handlungsoptionen im Umgang mit diesen Verschwörungserzählungen erarbeitet. Wir wollen uns gemeinsam damit auseinandersetzen, mit welchen Haltungen und Methoden demokratische Werte gefördert, pluralistische Lebenswelten zugelassen und antidemokratisches Verhalten aufgezeigt werden kann. Folgende thematische Inputs werden behandelt:

    • Hintergründe und Erkennungsmerkmale von Verschwörungserzählungen

    • Ungleichheitsideologien, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

    • relevante Bewegungen in der Steiermark

    • Gegenmaßnahmen und notwendige Haltungen für die Praxis

    Jugendverantwortliche nehmen eine enorm wichtige Rolle in der Präventionsarbeit ein. In der Arbeit mit jungen Menschen gelten Beziehungsarbeit und Diskurs als die wichtigsten Ressourcen im Kampf gegen ein extremistisches Weltbild. Hier können demokratische Werte und Prinzipien im Alltag auf niederschwellige Art vorgelebt werden.

    Datum: 1.12.2022, 9 – 13 Uhr

    Ort: Bildungshaus Retzhof, Dorfstraße 17, 8435 Wagna

    Anschließend (ca. 14:30) gibt es für Interessierte noch die Möglichkeit einer kurzen Begleitung zum „Römersteinbruch“ nach Aflenz. Das KZ-Aflenz a.d. Sulm war eines von über 40 Außenlagern des KZ-Mauthausen. Im Steinbruch wurde Tag und Nacht – in zwei Schichten zu je 12 Stunden – in großem Tempo gearbeitet. Mehr als 500 Menschen wurden hier ermordet.

    Das Seminar ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich. 

    Anmeldung unter office@spunk-graz.at

  • Rezension: Katharina Nocun/ Pia Lamberty – Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken beeinflussen

    Die deutsche Sozialpsychologin Pia Lamberty erforscht seit Jahren wie Menschen durch den Glauben an Verschwörungserzählungen radikalisiert werden und die Demokratie ablehnen. Gemeinsam mit der deutschen Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun hat sie dieses wichtige Sachbuch 2020 veröffentlicht, zu Beginn der Corona-Pandemie.

    Die Autorinnen führen aus, dass nach jedem bedeutenden Ereignis Verschwörungserzählungen entstehen, so etwa bei Unfällen von Prominenten, Katastrophen oder gesellschaftlichen Veränderungen. Ausführlich und detailliert werden Entstehung und Wirkungsweise beschrieben. Das Buch gibt deutliche Antworten und liefert Erklärungsversuche.

    Den typischen Verschwörungsideologen gibt es nicht. Nocun und Lamberty sind der Meinung, dass Alter, Bildung und Geschlecht kaum eine Rolle spielen würden. Erschreckend große Teile der Bevölkerung glauben an Verschwörungserzählungen, jeder Mensch kann dafür anfällig sein. Eine kritische und ehrliche Auseinandersetzung mit eigenen Meinungen und Haltungen ist daher laut den Autorinnen der beste Schutz dagegen, nicht selbst irgendwann diesen Verschwörungsmythen aufzusitzen.

    Im Laufe der Geschichte hat sich immer wieder gezeigt welche zentrale Rolle Verschwörungsideologien bei der Radikalisierung von Gruppierungen und Einzeltäter:innen spielen. Die meisten Kriege in der Geschichte der Menschheit wurden von Verschwörungserzählungen begleitet. Auch bei zahlreichen rechtsextrem motivierten Attentaten der letzten Jahre beriefen sich die Täter:innen auf antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen. Die Autorinnen bezeichnen Verschwörungserzählungen als den Klebstoff, der diese Gruppen zusammenhält und sie mit der Mitte der Gesellschaft verbindet. Einige der im Buch beschriebenen Bewegungen sind auch in der Steiermark gut vertreten, unter anderen: Germanische Neue Medizin, Anastasia Bewegung und Staatsverweigerer.

    Die Autorinnen beziehen eine kritische Position zur Esoterik und meinen, dass Verschwörungstheorien und Esoterik mehr verbindet, als sie trennt. Beide Strömungen teilen die Welt in Gut und Böse. Esoterik könne menschenfeindlich sein und ungewollt zum Türöffner für eine von Verschwörungsdenken geprägte Sicht auf die Welt werden. Wenngleich eine kritische Haltung zu Regierungshandeln in einer Demokratie legitim sei, wird es problematisch, wenn aus einer fundierten Kritik ein blinder Glaube an dunkle Machenschaften wird.

    Das Buch schließt mit dem Fazit, dass der Glaube an Verschwörungsideologien unser ganzes Zusammenleben beeinflusst. Speziell in unsicheren Zeiten, in denen Menschen einen Kontrollverlust erleben, fallen Verschwörungserzählungen auf einen äußerst fruchtbaren Boden. Maßnahmen gegen dieses Phänomen sind notwendig, zugleich schwierig in der Umsetzung. So schreiben die Autorinnen, dass es Immer abhängig von Zeit, Wissen, Situation und Geduld ist, wie man darauf kontern kann. Sie empfehlen, das Gegenüber nicht mit Infos zu überschwemmen, da es oft nicht reicht, falsche Behauptungen zu widerlegen. Besser sei es auf einer persönlichen Ebene und im Dialog zu bleiben, um den Kontakt nicht zu verlieren.

    Eine wichtige Forderung der Autorinnen ist es, dass Unterstützungsangebote für Betroffene und deren Angehörige in Österreich adäquat ausgebaut werden.

  • Fit im Umgang mit Verschwörungsideologien: 23.9.2022 

    Fit im Umgang mit Verschwörungsideologien: 23.9.2022 

    Eine praxisorientierte Weiterbildung für Multiplikator*innen, die mit Jugendlichen arbeiten.  

    Verschwörungsglaube ist mittlerweile kein Randgruppenphänomen mehr. Falschmeldungen platzieren sich zunehmend in der gesellschaftlichen Mitte, auch bei Menschen, die bisher keine Nähe zu politischem oder religiösem Extremismus zeigten. Krisen sind ein guter Nährboden für Extremismus und verschiedene Verschwörungsideologien. Jugendliche sind dabei besonders leicht zu beeinflussen. Wir beleuchten die Hintergründe, sehen uns an welche Bewegungen es aktuell in der Steiermark gibt und wie Verschwörungserzählungen unser Denken beeinflussen. Gemeinsam sollen Handlungsstrategien im Umgang mit Verschwörungsideologien erarbeitet und in einem zweiten Block im Dezember reflektiert werden. 

    Datum: 23.9.2022 von 9:00 bis 15:00 Uhr und ein Halbtag nach Vereinbarung im Dezember 

    Ort: Jugendkulturzentrum Explosiv 

    Durch eine Förderung der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung können wir diese Weiterbildung kostenlos anbieten.  

    Anmeldung unter office@spunk-graz.at

  • Hilfestellungen für einen Umgang mit dem Thema Extremismus in der Jugendarbeit

    Radikalisierung ist immer ein individueller Prozess. Es sind stets unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse, die dahinterstehen. Daher kann es keine Patentrezepte und keinen Leitfaden für einen allgemein gültigen Umgang mit diesem Phänomen geben. Folgender Inhalt soll eine Hilfestellung für Jugendverantwortliche bei dem komplexen Thema Extremismus sein. Die Ausführungen sind als praxisorientierte Tipps zu verstehen.

    PDF: Hilfestellungen für einen Umgang mit dem Thema Extremismus in der Jugendarbeit

  • Rezension: Fabian Reicher / Anja Melzer – Die Wütenden: Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen

    Fabian Reicher hat in Wien zuerst einige Jahre als Streetworker mit Jugendlichen gearbeitet, diese Erfahrungen fließen in seine Tätigkeit bei der Beratungsstelle Extremismus im Bereich der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit ein. Mit Unterstützung der Journalistin und Gerichtsreporterin Anja Melzer beschreibt er im Buch anhand fünf ausgewählter Biografien radikalisierter Jugendlicher, wie ein Ausstieg unterstützt werden kann. Reicher hat mehrere Projekte und Initiativen mitbegründet, so auch ein Online-Streetworkprojekt. Der Sozialarbeiter gibt sein Wissen seit Jahren im Rahmen von Lehrtätigkeiten und Workshops weiter. Das Buch berichtet über persönliche Erfahrungen mit antimuslimischem Terror in Österreich und liefert Erklärungen, warum extremistische Ideologien besonders für marginalisierte Jugendliche eine Anziehungskraft ausüben.

    Die Autor:innen merken an, dass der Diskurs über den Themenkomplex „Islam und Terror“ von zahlreichen „Terrorexpert:innen“ und „Islamkritiker:innen“ dominiert wird, die weit weg von den realen Problemen sind, mit denen Jugendverantwortliche in der praktischen Arbeit konfrontiert werden. Bisherige Präventionsansätze werden kritisch hinterfragt, immer mehr Expert:innen aus der Praxis fordern ein Umdenken. Reicher führt aus, dass im Radikalisierungsprozess vor allem die Ebene der Emotionen entscheidend sei, daher seien Deradikalisierungsprogramme, die auf der Ebene des Verstandes und der Argumentation ansetzen, zum Scheitern verurteilt. Eine pädagogisch erfolgreiche Intervention bedeutet demnach nicht automatisch eine Diskussion zu gewinnen. Langfristig könne eine Deradikalisierung nur gelingen, wenn die Themen dahinter bearbeitet werden würden.

    Reicher und sein Team waren zu Beginn ihrer Streetworktätigkeit mit den Aussagen und Provokationen dieser bestimmten Zielgruppe massiv überfordert. Sie haben sich daher selbst beratende Unterstützung von Expert:innen geholt, die sich bereits länger mit dem Phänomen Radikalisierung beschäftigen. Dabei sind hauptsächlich Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger zu nennen. Deren Ansätze erkennt man auch in der Umsetzung. Die Beratungsstelle Extremismus hat in der Ausstiegs- und Deradikalisierungsarbeit daraus ein eigenes Konzept gestrickt, den Wiener Ansatz bzw. die Pädagogik der Wütenden, wie es im Buch genannt wird.

    Radikalisierung ist immer ein individueller Prozess, es sind immer andere Erfahrungen und Bedürfnisse, die dahinterstehen. Die Autor:innen betonen, dass Beziehungsarbeit die Basis in der Arbeit mit den betroffenen Menschen bildet, Jugendarbeiter:innen müssen sich für die Themen der Jugendlichen interessieren und Vertrauen aufbauen. Das Weltbild von Jugendlichen ist kein geschlossenes, es entsteht in der Adoleszenz und entwickelt sich im Erwachsenenalter weiter. Zwischen 13 und 19 Jahren erfolgt unsere politische Sozialisation. Wichtig in der Deradikalisierungsarbeit, so die Autor:innen, sei es, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen, einen „Common Ground“ zu finden. Ziel ist ein „Window of Opportunity“, ein Zeitpunkt, in dem eine Veränderung möglich ist. Denn: Deradikalisierung beginnt mit Zweifeln.

    Eine wichtige Erkenntnis wird im langfristigen Ziel einer gelungenen Extremismusprävention beschrieben: Es ist die Lust am Ungehorsam und am eigenständigen Denken. Jugendliche sollen Positionen, Vorstellungen und Erzählungen kritisch hinterfragen und sich ihre eigene Meinung bilden. Diese Entwicklung einer inneren Autonomie immunisiert gegen die Anziehungskraft extremistischer Gruppen. Daher ist es auch notwendig Provokationen zuzulassen, allerdings in einem geschützten Rahmen.

    Viele der beschriebenen Empfehlungen sind bereits bekannt, doch leider noch nicht umgesetzt. Einige pädagogische Standardfloskeln werden mittlerweile seit Jahrzehnten defizitär verwendet, sind aber offensichtlich immer noch notwendig. So wird auch hier der Spruch bemüht, wie wichtig es ist mit Jugendlichen zu reden, anstatt nur über sie. Aber das kann nicht oft genug betont werden.

    Man kann den Prozess, durch den Jugendliche zu Extremist:innen werden nicht umdrehen, Jugendliche lassen sich von außen nicht deradikalisieren oder „reparieren“. Reicher bringt diese Erkenntnis in einer ehrlichen Aussage gut auf den Punkt: „Ich habe sie da nicht „rausgeholt“, das geht auch gar nicht. Sie können sich nur selbst „rausholen“ und ich durfte sie auf ihrem Weg begleiten.“

    Wir stehen in dieser herausfordernden Arbeit leider immer noch am Anfang, eine träge Politik und beratungsresistente Entscheidungsträger:innen sorgen für ständige Rückschritte. Dieses Buch ist ein wichtiger Schritt in Richtung ganzheitliche Konzepte und langfristige Lösungen.

    Das Fazit der Autor:innen gibt Hoffnung: Man kann alle erreichen, man muss nur die richtigen Fragen stellen und die besseren Geschichten erzählen. Mit einer zugewandten pädagogischen Haltung und Interventionen auf Augenhöhe kann ein Ausstieg gelingen.

  • Rezension: Ingrid Brodnig – Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern – in der Familie, im Freundeskreis und online

    Ingrid Brodnig ist eine österreichische Autorin und Kolumnistin, sie gilt seit mehreren Jahren als Expertin für Digitale Medien in Zusammenhang mit Fake News und Verschwörungsideologien. Für ihr zweites Buch „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ wurde sie mit dem Bruno Kreisky Sonderpreis ausgezeichnet. Im hier vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit den Hintergründen von Falschmeldungen und mit welchen Methoden man darauf reagieren kann.

    Die gebürtige Grazerin erklärt, warum es oft nicht funktioniert, sein Gegenüber so lange mit Fakten zuzuschütten, bis es die Falschheit seiner Weltsicht verstanden hat. Falschmeldungen sind offensichtlich interessanter als die Realität. Laut Brodnig spielt die Macht von Emotionen eine große Rolle. Emotionalität führt zu einer stärkeren Verbreitung der Inhalte. Viele Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen arbeiten mit Feindbildern und Sündenböcken. Sie lösen nicht nur Wut aus, sie haben auch gleich noch die angeblich Schuldigen parat. Im Gegensatz dazu sind Faktenchecks oft spröde, sie müssen viele komplexe Sachverhalte erklären und bieten in der Regel keine Feindbilder. Es besteht die Gefahr, dass Falschmeldungen von ihrer Emotionalität profitieren, während Richtiges vergleichsweise unspektakulär klingt und oft weniger stark verbreitet wird. Verzweifelte Menschen suchen Hilfe und klammern sich dabei an jede Hoffnung. Brodnig führt dies als Grund an, dass sich Menschen in der Not auf falsche Informationen aus unseriösen Quellen stürzen. Heilsversprechen haben eine große emotionale Anziehungskraft, insbesondere auf Menschen, die sich vor Krankheiten fürchten oder die tatsächlich erkrankt sind.

    Brodnig kritisiert den Begriff der „Verschwörungstheorie“, da man hierbei nicht von Theorien im wissenschaftlichen Sinn sprechen kann. Eine Theorie ist eine wissenschaftlich nachprüfbare Annahme über die Welt, wenn sich diese als falsch herausstellt, wird sie auch wieder verworfen. Die Verschwörungserzählung zeichnet sich aber eben genau dadurch aus, dass sie sich der Nachprüfbarkeit entzieht. Egal wie viele Gegenbeweise es gibt, der Verschwörungsideologe beharrt auf seiner Meinung.

    Laut der Autorin gibt es nicht den einen Weg bei der Aufklärung von Desinformation, sondern unterschiedliche Zugänge. Und womöglich kann es sinnvoll sein, diese verschiedenen Methoden zu nutzen, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Das Wichtigste sei es, so zu reagieren, dass man nicht noch mehr Widerstände erzeugt. Man sollte die Gesprächsbasis aufrechterhalten, in Kontakt bleiben, damit einem der andere zumindest ein bisschen zuhört. So empfiehlt Brodnig bei ausweglosen Diskussionen auf die Bedürfnisebene zu schauen, weg von der Faktenebene. Als weitere Möglichkeit nennt die Autorin den „Sokratischen Dialog“, mittels Fragen auf einen Erkenntnisgewinn hinzusteuern. Dieses ernst gemeinte, aber höfliche Nachfragen kann bewirken, dass Menschen merken, dass etwas nicht ganz schlüssig ist.

    Das Buch ist 2021 erschienen, mitten in der Corona Pandemie, daher verweist Brodnig auf die frühe Unterwanderung der vehement coronaskeptischen Szene durch rechte und rechtsextreme Gruppen.  In einem aktuellen Interview erläutert Brodnig, welche Zusammenhänge es zum derzeit stattfindenden Krieg in der Ukraine gibt. Sie beobachtet ein Muster mit einer logischen Konsequenz: aus Anti-Corona wurde Pro-Putin. Die Autorin verweist auf ähnliche Feindbilder: ein Misstrauen in Mainstreammedien, der Glaube die Elite würde alle belügen, Corona ist eine Erfindung, Krieg ist eine Inszenierung. Geblieben ist eine bewusste Verbreitung von Desinformation und Verschwörungserzählungen, die hauptsächlich über verschwörungsaffine Kanäle, speziell auf Telegram, verbreitet werden.

  • Rezension: Fritz Jergitsch – Die Geister, die ich teilte. Wie soziale Medien unsere Freiheit bedrohen

    Fritz Jergitsch ist der Gründer und Betreiber von „die Tagespresse“, eine österreichische Website, die seit 2013 satirische Beiträge im Stil von Zeitungsartikeln aufbereitet. Der Fokus liegt auf österreichischen Themen, wobei die Artikel frei erfunden sind. Er sieht Humor als Bewältigungsstrategie, um die Realität einzuordnen und Ängste abzubauen. Jergitsch geht es darum, durch das Stilmittel der satirischen Falschmeldung einen Missstand pointiert darzustellen und so sichtbarer zu machen. In seinem soeben erschienenen Buch geht es um die Macht Sozialer Medien und die Notwendigkeit einer Regulierung eben dieser.

    Das Internet hat die Art und Weise revolutioniert, wie wir Informationen austauschen. Kommunikation funktioniert heute billiger, unkomplizierter und vor allem schneller als jemals in der

    Geschichte der Menschheit. Der Autor führt aus, dass trockene Fakten in den Sozialen Medien meist untergehen, Klicks werden durch emotionale Betroffenheit erzielt.

    Fakenews erreichen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Bevölkerung. Ihr Effekt auf die Bevölkerung ist jedoch massiv, weil diese häufiger geliked und geteilt werden, dadurch verbreiten sie sich auch schneller als wahre Nachrichten. Wir neigen dazu zu teilen, was unser Weltbild bestätigt, unabhängig davon, ob es wahr ist. Ein bestimmender Faktor dabei sind Algorithmen, Jergitsch beschreibt deren Wirkungsweise. Sie sind für ihn ein mächtiges Werkzeug, das Massen manipulieren und gegeneinander aufhetzen kann. Ein Algorithmus lernt durch Beobachtung unseres Verhaltens, was genau uns jetzt und zukünftig interessieren könnte und kann bei der Auswahl seiner Inhalte aus einer unermesslichen Bibliothek an Inhalten wählen, die dem sozialen Netzwerk von seinen eigenen User:innen gratis zur Verfügung gestellt wird. Algorithmen erkennen keine Wahrheit oder Lüge. Dadurch, dass sie uns am liebsten mit genehmen Informationen füttern, zementieren sie unser Weltbild bis zur Unbeweglichkeit ein. Geblendet durch die polierten Newsfeeds akzeptieren wir immer weniger Widerspruch, wir finden uns in einer Filterblase wieder. Jergitsch führt aus, dass Algorithmen so programmiert sind, dass sie auf Polarisierung optimieren, das heißt, dass zugespitzte Infos öfter im eigenen Newsfeed erscheinen und bevorzugt geliked werden. Was für den Algorithmus zählt, ist schlicht die Interaktionsrate.

    Für Jergitsch sind Soziale Medien so etwas wie Boulevardmedien und er geht soweit, dass er dabei einen Vergleich mit der Propaganda der Nazis herstellt. Diese Plattformen bieten laut ihm dieselben Möglichkeiten, die die Nationalsozialisten in den Massenmedien ihrer Zeit vorfanden: Lügen verbreiten, Angst schüren und durch Polarisierung spalten.

    Der Autor beschreibt ausführlich, wie Soziale Medien für bewusste Desinformation missbraucht werden. Rechtspopulist:innen waren ihm zufolge Pioniere bei der Nutzung dieser Plattformen. Viele Regierungen und Autokrat:innen hätten sich diese Mobilisierung der Massen zu Propagandazwecken abgeschaut, sie gelten aus militärischer Sicht als neue Waffen.

    Als Beispiel führt Jergitsch den Genozid 2016 in Myanmar an, bei dem Facebook eine bedeutende Rolle in der Propaganda spielte. Das Ganze war eine orchestrierte Hasskampagne des Militärs gegen das eigene Volk via soziale Medien. Infolgedessen wurden zehntausende Rohingya getötet und zahlreiche Menschen misshandelt wurden. Der Autor beschuldigt Facebook an der Beihilfe zum Genozid, weil es notwendige Bemühungen unterließ Hassaufrufe zu stoppen, erst viel zu spät zog Facebook die Notbremse und löschte verdächtige Accounts.

    Jergitsch berichtet weiter über die Hintergründe dieser mangelnden Regulierung, die auf sämtlichen Plattformen zu großen Problemen führte. Facebook hätte noch vor wenigen Jahren die Meinung vertreten, dass freie Meinungsäußerung wichtiger sei, als Zensur bei den Postings zu betreiben. Telegram gilt als Plattform mit besonders liberalen Ansichten bezüglich Meinungsfreiheit, auf der von einem Russen gegründeten Plattform darf alles gesagt werden. 2015 wurde bekannt, dass der IS gerne Telegram zur Propaganda und zur Koordination verwendete, so wurde zum Beispiel der Anschlag in Paris auf das Bataclan 2015 durch den IS auf Telegram organisiert und koordiniert. Der Telegram Gründer argumentierte damit, dass ihm das Recht auf Privatsphäre wichtiger sei als die Angst davor, dass schlimme Dinge wie Terrorismus passieren.

    Erst 2020 begann ein Umdenken und Plattformen wie Twitter, Youtube und Facebook begannen mit der Löschung von Fakenews. Zumindest diese Plattformen hätten es laut Jergitsch geschafft, eine Grenze zu ziehen, man bekennt sich dort immerhin offiziell gegen Gewaltaufrufe. Laut dem Autor sei Telegram bis heute die einzige Plattform, bei der nahezu keine Zensur betrieben wird und fast alles erlaubt ist. Terrororganisationen und Rechtsextreme koordinieren ihre Aktionen und verbreiten Desinformation weiterhin bevorzugt über Telegram. Das Fazit des Autors: „Kriminelle werden immer Wege finden, aber man muss es ihnen nicht auch noch einfacher machen.“

    Es ist nicht die Absicht des Autors Soziale Medien zu verteufeln, er zeigt auch positive Beispiele auf. So wurde in einigen Fällen ein neuer Raum für demokratische Bewegungen geschaffen. Beim „Arabischen Frühling“ waren Soziale Medien maßgeblich an der Umsetzung beteiligt, die Zivilgesellschaft nutzte sie, um sich ihrer autokratischen Anführer zu entledigen.

    In seinem Buch plädiert Jergitsch dafür Informationen kritisch zu hinterfragen und Quellen auf Seriosität zu überprüfen. Er regt an, die selbstgeschaffene digitale Blase regelmäßig zu verlassen und sich nicht auf die Algorithmen zu verlassen.

  • Rezension: Klaus Farin – Über die Jugend und andere Krankheiten – Essays und Reden 1994 – 2018

    Der deutsche Experte für jugendliche Lebenswelten darf bei unseren Literaturempfehlungen nicht fehlen. Klaus Farin beschäftigt sich bereits seit über 40 Jahren hauptberuflich mit dem Thema Jugendkulturen. Der bekennende Berufsjugendliche kam 1980 nach Berlin, wo er bis heute geblieben ist. Er ist unter anderem als Buchautor, Journalist und Verleger tätig, zu jugendspezifischen Themen ist er ein gefragter Referent. Farin publiziert seit Ende der 1980er Bücher, bis heute sind 30 Werke von ihm erschienen. Darunter finden sich zahlreiche Klassiker, die zu bedeutenden Werken für Jugendverantwortliche wurden.

    1997 hat Farin in Berlin das Archiv der Jugendkulturen gegründet, dessen Ziel die Sammlung, Erforschung und Vermittlung von Kenntnissen über jugendliche Kulturen und Lebenswelten ist.
    www.jugendkulturen.de

    Aus dem Archiv heraus hat sich ein eigener Buchverlag gegründet sich nun Hirnkost Verlag nennt, mit über hundert Büchern im Programm.
    www.hirnkost.de

    2011 hat Farin die Stiftung Respekt! initiiert, der er seit der Gründung vorsitzt. Diese Stiftung fördert jugendkulturelle Vielfalt und Toleranz, Forschung und Bildung.
    www.respekt-stiftung.de

    Seit den 1980er Jahren ist Klaus Farin freiberuflich als politischer Bildner tätig und unternimmt regelmäßig Vortragsreisen im deutschsprachigen Raum, kommt in diesem Rahmen auch regelmäßig nach Graz. Wenn es dafür wieder eine Gelegenheit gibt, sollte man sich seine kompetenten Ausführungen und seine unkonventionelle Art nicht entgehen lassen.

    Farin revolutionierte die deutsche Jugendsozialforschung, in dem er Jugendliche als Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelten zu Wort kommen ließ. Er setzt sich in seiner Arbeit für eine Aufwertung des oft schlechten Images diverser Subkulturen ein und ist eine Art Sprachrohr für oft missverstandene Bewegungen, wie beispielsweise Skinheads, Hooligans oder Gothics. Er hat viel zum Verständnis diverser Subkulturen beigetragen und versucht Vorurteile aufzubrechen.

    Der wohl dienstälteste Jugendexperte im deutschsprachigen Raum ist ein Fürsprecher für jugendliche Provokationen und reagiert regelmäßig mit kalmierenden Fakten, wenn uns wieder mal wer einreden will, wie schlecht die „heutige Jugend“ sei. Auch das hier vorgestellte Buch ist ein Plädoyer für die Notwendigkeit von unangepasstem Verhalten bei Jugendlichen. Der Autor erläutert, dass nicht jede Provokation eine Ideologie im Hintergrund hat.

    Farin zeigt auf, dass es „die Jugend“ nicht gibt und dass wir uns von der Vorstellung lösen müssen, es mit einer homogenen Gruppe zu tun zu haben. Die Welt ist nicht mehr so schön geordnet, wie sie älteren Generationen zumindest im Rückblick auf ihre Jugend einmal schien. Tausende von Subkulturen, Szenen, Lebensstilen, Moden und Hypes bevölkern inzwischen diesen Planeten. Noch bis in die 1960er Jahre hinein sprachen Jugendforscher:innen gerne von „der Jugendkultur“ im Singular – als gäbe es da nur eine einzige, die gesamte Generation der Jungen einschließende Lebenswelt. Der Großteil der damaligen deutschen Jugendstudien hatte laut Farin einen stigmatisierenden Zugang. Jugendliche galten fast automatisch als Sicherheitsrisiko und waren unter Extremismusverdacht. Der Autor prangert an, dass Jugendliche zu oft als Sündenböcke für das Fehlverhalten der Erwachsenengesellschaft herhalten müssen. Als Beispiel nennt er Skinheads als Hauptverantwortliche für die rassistische Welle der 1990er, an der eigentlich eine fehlgeleitete Politik Schuld hatte. Auch heute noch finden sich regelmäßig Überbleibsel dieser jugendfeindlichen Einstellung in breiten Teilen der Gesellschaft. Farin fasst seine Kritik dazu in deutliche Worte: „Im Mittelpunkt stehen oft nicht die Probleme, die Jugendliche haben, sondern die, die sie machen.“

    Farin ist ein kritischer Geist, der mit seinen direkten Aussagen oftmals polarisiert. Er selbst spricht davon, bewusst verstören und irritieren zu wollen, dies sei notwendig, um die beruhigende Eindeutigkeit aufzugeben. Die Wirklichkeit sei selten so eindeutig, wie es Denkfaule oder Fanatiker:innen gerne wünschen. Farin beklagt, dass allgemein zuwenig Medienkompetenz und Urteilsvermögen vorhanden sind und verurteilt die Tatsache, dass aus Bequemlichkeit simpel gestrickten Vorurteilen nachgeeifert wird.

    Kritisiert wurde der Autor vor allem wegen seiner Bücher über „die Böhsen Onkelz“ und über „Frei.Wild“. Von beiden zu Recht umstrittenen Bands muss man kein Fan sein, aber die differenzierte Sichtweise, selbst über sehr kontroversielle Themen, Szenen und Bands ist lesenswert. Farin ortet einen Widerwillen, sich ernsthaft mit Themen wie Rechtsextremismus auseinanderzusetzen. Dadurch entstehen unüberlegte und kurzsichtige Maßnahmen, wie Verbote oder Zensur, die lediglich ein Zeichen von Hilfslosigkeit und Ohnmachtserklärung seien. Farin bezeichnet „Engagement gegen Rechts“ als nicht immer pauschal gut, sondern man müsse die Methoden und Ziele einzelner Projekte hinterfragen. Er kritisiert, dass „Engagement gegen Rechts“ oft zu einem Geschäft geworden ist, bei dem es häufig dazu kommt, dass sich wenig kompetente Organisationen finanziell sanieren. Farin nennt mehrere Beispiele in denen Träger der politischen Bildung oder auch große Wohlfartsverbände von Fördergeldern profitiert haben und wo es um die Selbsterhaltung von aufgeblähten Strukturen geht.

    Farin weist darauf hin, dass es notwendig ist, die Bedeutung von professioneller Jugendarbeit regelmäßig bei Entscheidungsträger:innen ins Bewusstsein zu rufen und Forderungen auch politisch zu verankern: „In ureigenem Interesse beinhaltet eine engagierte Jugendarbeit mit (aus welchen Gründen auch immer) ausgegrenzten Jugendlichen stets auch politische Arbeit. Lobby Arbeit.“

    Das vorliegende Buch gibt es nun in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage, die Aussagen sind aktuell und zeitlos. Es ist ein gutes Einstiegswerk, andere seiner Bücher sind widmen sich bestimmten Szenen oder Subkulturen.

    Farin ist der Meinung, dass der Fokus in der Arbeit mit devianten Jugendlichen zu oft auf das Negative gelenkt wird und betont: „Die effektivste Jugendarbeit gegen rechtsradikale und rassistische Orientierungen und Verhaltensweisen ist die aktive Förderung und Stabilisierung attraktiver, selbstbewusster, bunter Gegenkulturen.“